Wir sind Sterne, die auf die Erde fallen, um für eine gewisse Zeit zu leuchten; bis wir verglühen und wieder in den Himmel steigen dürfen.
Doch wir leuchten weiter – für das Leben, die Liebe und für andere; vor allem für die Menschen, die abends in den Himmel schauen, um sich neuen Mut zu wünschen.
Er nahm‘ ihre Hand, einfach so. Ohne nach einem wenn oder aber zu fragen; weil er es wollte, ihr zeigen wollte, dass er sich sicher war, dass sie die Eine für ihn ist. Ob sie es bleiben würde, wusste er nicht, doch für diesen Moment war sie es. Und er hatte beschlossen, sich nicht in ein „was könnte sein“ zu verlieren, sondern das Ist erleben; mit ihr, die sein Herz berührte.
Sie legte ihre Hand in seine, ließ seine Zuneigung einfach zu, ohne sich zu fragen, was Morgen ist. Sie fühlte sich geborgen und sicher mit ihm; sie spürte, dass sie ihm etwas bedeutete, fühlte diesen Moment, der nur ihnen gehörte. Ob dies so bleiben würde, wusste sie nicht, doch in diesem Moment war es so. Und sie hatte beschlossen, sich nicht in ihre Selbstzweifel oder in Interpretationen zu verlieren, sondern auf ihr Gefühl zu hören; auf ihr Herz, das für ihn schlug.
Und „einfach“ so, weil es beide ohne ein wenn oder aber zuließen, wurden sie ein Ist, das nicht zweifelnd oder fragend an ein Morgen denkt. Indem sie auf ihr Herz hörten, den Verstand in diesem Moment beiseite ließen, ergriffen sie die Chance, aus einem du und ich ein wir entstehen zu lassen.
Danke an alle Organisatoren und Mitschreiber; gegendert versteht sich. Los geht’s.
Dort stand sie – am Ufer des Rheins und blickte in die Ferne; beobachtete den Gang der Wellen und die Schiffe, die an ihr vorbeifuhren. In ihr stieg Wehmut auf; gedanklich reiste sie mit den Schiffen mit – weit hinaus, weg von hier.
Sie verfing sich, in diesen Moment; die Wellen gaben ein Konzert für sie. Sanft schlugen sie gegen die Steine des Ufers, dann zogen sie wieder hinaus und gingen in der Weite des Flusses auf. Mit jedem Wellenklang schweiften ihre Gedanken und ihr Herz ein Stück weiter ab; sie verlor sich vollkommen in den Wellen, tauchte in ihr Inneres ein und fühlte, wie sich die noch eben empfundene Wehmut bzw. das Fernweh in ein Gefühl von Bitterkeit verwandelte.
Sie befand sich nicht nur in einem Sommerloch, vielmehr stand sie an einem Scheideweg; sie stellte sich die Frage, wie sie es endlich schaffen konnte, zu sich selbst zu finden bzw., wie sie ihre Selbstzweifel, die sie manchmal auffraßen, hinter sich lassen konnte, um das Ist ohne ein Gefühl von Wehmut bzw. Fernweh genießen zu können.
Es war noch mehr als das; ihr wurde klar, dass ihre Selbstzweifel zu Riesen im eigenen Land geworden waren. Riesen, die ihr starkes, sicheres Ich jedes Mal zertrampelten, wenn sie sich nicht gesehen oder in ihrer Persönlichkeit kritisiert fühlte. Zurück blieb ein Trampelpfad, mit einem verschwommenen, kleinen Ich, das sich traurig und ängstlich in einem selbst schwarz angemalten Kokoon verbarg.
Der Regen, der in diesem Moment aufkam, holte sie für einen Moment in das Ist zurück; mehr noch, er wusch ihren grauen Vorhang aus Schmerz und Angst weg. Zum ersten Mal konnte sie erkennen, dass es nicht das Leben war, das für sie zu einem Eigentor geworden war; sie selbst war es, die sich in der Vergangenheit meterhohe Steine in den Weg gelegt hatte, so dass sie mit ihren Wünschen und Träumen verloren gegangen waren.
Ihre Riesen, die eine stetige Selbstliebe fast unmöglich machten, ihr Ich zu einem Zwerg schrumpfen ließen, führten dazu, dass sie nicht daran glaubte, dass sie Glück verdient hatte; dass sie es wert war, geliebt zu werden. Und sie hatte im Laufe ihres Lebens gelernt, alles dafür zu tun, ihre Riesen zu füttern; durch die Suche nach Hinweisen, die ihre Annahmen über sich selbst bestätigten.
Sie hatte Liebesbeziehungen sabotiert oder Gefühle für Menschen, die sie gern hatte, in Kisten verpackt; laut ihren Riesen waren diese sowieso zum scheitern verurteilt. „Wer sollte dich schon lieben können“, flüsterten sie ihr immer wieder zu; irgendwann glaubte sie ihnen, ohne, dass sie ihr etwas zuflüstern mussten.
Sie hatte ebenfalls andere Menschen auf einen Sockel gestellt und sie glorifiziert; während sie sich selbst permanent entwertet hatte oder eigene Leistungen nicht anerkannt bzw. klein geredet hatte. Alles musste in ihr „Ich-Bild“ passen und in diesem gab es keine (Selbst)Liebe für sie; sie, die laut den Riesen keine Liebe verdient hatte.
Ein lautes Signal eines vorbeifahrenden Schiffes, das wie ein Warnsignal klang, ertönte und holte sie in die Wirklichkeit zurück; in den Moment, in den sich eben noch verloren hatte.
Die Sonne ging bereits unter; das Wetterleuchten aus dunklem Violett und warmen Rosa färbten die Wellen des Rheins purpurn ein. Farben, die in ihr Optimismus und Sicherheit weckten; die ihr ein Gefühl von einer Zukunft ohne Riesen vermittelten.
Sie wusste nun, wer sie sein wollte bzw. wie sich sich fühlen wollte; leicht, wie die Wasserläufer, die fast schwerelos die Wellen überquerten, ohne sich im Wellengang zu überschlagen bzw. in ihnen unterzugehen. Sie wollte die Riesen aus ihrem Land vertreiben und selbst zum Riesen werden; ein sanfter, zarter Riese mit Narben und schwarzen Flecken, der trotz seiner Fehler liebenswert ist. Ein Riese, der sich mit anderen nicht vergleichen muss, weil er einzigartig ist; so wie alle anderen Riesen auch.
Sie fröstelte, die Sonne war bereits untergegangen und es verdunkelte sich; doch für sie fühlte es sich an, als ob sie zum allerersten Mal klar sehen konnte – sie wusste nun, wer sie wirklich war und was sie sich vom Leben wünschte. Sie wollte Liebe schenken, aber auch erhalten; sie war nun endlich bereit dazu.
Die Wellen wurden still, in ihr breitete sich ein Gefühl von Zufriedenheit bzw. Ruhe aus; zum allerersten Mal nach langer Zeit. Sie blickte um sich und sah in den nahen Bäumen Licht aufleuchten. Sie ließ den Rhein, ihren Ort der Selbstfindung, hinter sich und näherte sich diesem Licht; als sie vor den Bäumen stand, erblickte sie Hunderte von Glühwürmchen, die für sie leuchteten.
In diesem Moment wusste sie, dass das Universum ihr zugehört hatte; ihr Weg war nun erleuchtet und würde sie zu dem führen, was sie glücklich macht; sich anzunehmen und zu lieben wie sie ist.