Von Bergen, Meeren und Drachen

Es war einmal eine Prinzessin, die von ihrem Prinzen auf weißen Schimmel träumte. In ihrer Phantasie war er ihr Retter; ein Held, der für sie die höchsten Berge erklimmte, die weiten Meer befuhr und den gefürchtetesten Drachen tötete. Doch das Herz der Prinzessin wurde immer wieder enttäuscht: Alle Prinzen, die sie kennenlernte, verloren nach kurzer Zeit ihr Interesse und verließen sie. Zunehmend vergifteten Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug für die wahre Liebe auf weißem Schimmel“ ihr Herz, weshalb sie beschloss, sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen: Sie sperrte sich selbst in einen meterhohen Turm ein, verschloss die Tür und trauerte um ihr Schicksal. 

Eines Tages, nach Jahren in denen sie ihr Herz verschlossen hatte, war ihre Trauer verschwunden. Sie stand auf, um aus dem Fenster zu blicken. Es war Frühling. Die Felder grünten bereits und an den Bäumen waren erste Knospen zu sehen. Sie spürte die Wärme der Sonne in ihrem Gesicht und die sehnsuchtsvollen Schläge ihres Herzens: Es war an der Zeit ihren Turm zu verlassen und dem Leben eine neue Chance zu geben. Sie machte sich frisch und packte ein paar Sachen für sich. 

Als sie auf die dunkle Treppe, die zur Eingangstür führte, fühlte sie ihre Angst: Sollte sie wirklich weitergehen? Das Leben im Turm war zwar einsam, aber sicher für sie. Niemand konnte sie verletzen. Doch dann erinnerte sie sich an die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie ging die Treppe hinunter, öffnete langsam die Tür, und blickte ins Freie: Die Welt lag vor ihr, mit ihren grünen Wiesen und ihrem weiten Himmel. Sie zog die Schuhe aus und lief barfuß. Die weichen Gräser kitzelten bei jedem ihrer Schritte. Sie lächelte. Es war schön, wieder etws zu fühlen. Nach einigen Metern kam sie zu einem Bach, der leise plätscherte. Sie setzte sich ans Ufer, blickte in die Ferne und versank in Gedanken. 

So viel hatte sie verpasst: In ihren vier Wänden, in denen sie sich im Kreis gedreht hatte; um ihre ihre erfolglose Suche nach Liebe, die zu Enttäuschungen und Herzschmerz geführt hatten. Nun hatte sie ihren Turm verlassen und sich für das Leben entschieden. Doch welchen Sinn wollte sie ihm nun geben? Es musste doch noch mehr geben als nach Liebe und den einen Prinzen zu suchen? Vielleicht fand sie ihre Antwort, wenn sie sich auf Reisen begab. Entschlossen zog sie sich ihre Schuhe an und ging los. Ihr Weg führte sie über Stock und Stein. Immer weiter stieg sie nach oben auf, ohne ihr Ziel zu kennen. Sie rang zunehmend nach Luft und fühlte, dass ihre Beine immer schwer wurden. Doch sie ging weiter. Sie spürte, dass der Aufstieg wichtig für sie war, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. Als sie fast am Ende ihrer Kräfte war, dachte sie plötzlich an ihren Vater. 

Sie hatte immer um seine Liebe kämpfen musste. Er hatte sich einen Thronfolger gewünscht, was er sie bei jeder Gelegenheit spüren ließ. Obwohl sie sich anstrengte und all seine Regeln befolgte, war sie nie gut genug. Als sie ein Kind war, war sie für ihn immer zu wild und ungehorsam. All ihre Mal- und Bastelarbeiten legte er achtlos beiseite und zeigte kein Interesse an ihren Puppen- oder Theaterspielen. Auch in ihren Jugendjahren konnte sie ihn mit nichts beeindrucken. Weder mit ihren Sprachkentnissen noch mit ihrem ausgeprägten kreativem Geschick. Eine Prinzessin hatte schön auszusehen und die königliche Etikette zu erfüllen: Heiraten, um die Thronfolge zu sichern. Auch diesbezüglich hatte sie ihn enttäuscht. 

Plötzlich spürte sie eine tiefe Traurigkeit, Tränen liefen über ihre Wangen. Ihre Erinnerungen zeigten ihr schmerzhaft, wie sehr sie sich nach der Liebe ihres Vater gesehnt hatte. Diese Liebe hatte sie bei anderen Männern, die sie aus ihrer Leere retten sollten, gesucht, aber nie gefunden. 

Auf einmal fiel ihr das Atmen leichter, sie hielt inne und blieb stehen. Sie hatte den höchsten Punkt erreicht und blickte zufrieden auf das Tal. Ihr wurde klar, dass sie den Berg ihrer Vergangenheit erklommen hatte. Sie beschloss ihre Reise fortzsetzen, um sich selbst noch näher zu kommen und ihren Sinn im Leben zu finden. 

Mit leichten Schritten stieg sie herab, bis sie vor den Ufern eines Sees stand. Sie blickte umher und entdeckte ein kleines Boot, das in den Wellen trieb. Der See würde sie nicht aufhalten ihr Selbst zu finden. Sie ging zum Boot, setzte sich hinein und paddelte los. Der See glitzerte, seine Wellen bewegten ihr Boot sanft hin und her, während Wind leicht über ihr Gesicht strich. Sie beschloss dem Leben zu vertrauen, legte die Paddel weg und gab sich dem Moment hin. Mit geschlossenen Augen ließ sie sich treiben.Es gab nichts außer sie und diesen Augenblick. In ihr herrschte Frieden und Glückseligkeit. Nach einer ganzen Weile öffnete sie ihre Augen, blinzelte in die Sonne und blickte umher. In der Ferne sah sie Umrisse von Land. Sie lächelte, nahm die Paddel und steuerte Richtung Ufer. Nachdem sie das Land erreicht hatte, stieg sie aus dem Boot und ließ sich rücklängs in den weichen Sand fallen. Sie war im Hier und Jetzt, alles war gut so wie es ist. Auch ohne verheiratet zu sein oder einen Mann an ihrer Seite zu haben. Würde ihre Mutter sie so sehen, würde sie den Kopf schütteln. Für sie war es immer wichtig gewesen an die Zukunft, die nur ein einziges Ziel hatte, zu denken: Einen Mann an sich zu binden und zu heiraten. Ihr Leben drehte sich ausschließlich darum die perfekte Frau für einen potentiellen Ehemann zu sein. Ihr wurde bewusst, dass sie für eine Zukunft gelebt hatte, die ihre Mutter für sie ausgesucht hatte. Dadurch hatte sie sich in ihre Suche nach Liebe verbissen und in ihrer Enttäuschung verloren. Doch damit war jetzt Schluss. Sie würde jeden Moment auskosten und dem Leben vertrauen: Es würde sie dorhin führen, wo sie glücklich war. Sie lächelte, weil sie verstand, dass sie den Sinn des Lebens gefunden hatte. Bevor sie ihre Reise fortsetzte, wollte sie sich frisch machen. Sie wusch sich am See. Als sie ihr Spiegelbild erblickte, spürte sie plötzlich Selbstzweifel, die wie ein Drache auf ihr Herz feuerten. Es war niemand da, der sie rettete. Außer sie selbst. Sie atmete tief durch: Es war an der Zeit ihren Drachen hinter sich zu lassen. Sie strich sich sanft über ihr Gesicht, umarmte sich und sagte laut: „Ich habe die Liebe gefunden. Für mich und das Leben. Das ist mehr als genug.“ Dann ging sie in die Welt hinaus.

Frühlingsgedanken

Eisheilige

Melancholie

Nachtgeflüster

Leben

Sammlung

Drabble Schicksal

Wir leben in unseren Mauern und betrachten Leben von unserem Turm aus: Wann kommt der Prinz und wer tötet unsere Drachen? Und was ist, wenn uns niemand rettet? –

wir nennen es Schicksal und akzeptieren es, wenn sich unsere Träume nicht erfüllen; machen es uns warm und gemütlich in unserem Turm. Bis wir verstehen, dass wir Gottes Schöpfung sind und ein Funken von ihm in uns steckt: Wir können uns für das Leben entscheiden, unser Haar aus dem Fenster werfen, um aus unserem Turm zu klettern.

Wir sind unser Schicksal, Prinzen und Drachentöter – ein Funke, der leuchtet und Träume selbst entzündet.

Drabble

Zeit, Schwert, Erbe

Die Zeit vergeht und doch steht sie still. Zumindest für sie. Sätze ihrer Mutter bohren sich immer noch wie ein Schwert in ihr Herz: „Du bist nicht gut genug. Du bist eine Last.“ Noch heute stellen ihr diese Annahmen ein Bein: Zum Beispiel bei der Jobsuche oder ihrer Partnerwahl. Wie kann sie ihre Muster durchbrechen und zu einem Mensch werden, der sich selbst liebt und dem Leben vertraut?

Sie steht am Grab ihrer Mutter. Die Beerdigung ist vorbei. Dann nimmt sie Abschied von ihr und den alt bekannten Sätzen: Ihr wird klar, dass sie selbst entscheidet, welches Erbe sie antritt.

Leben

Sie blickt in den Spiegel: Erste graue Haare und Falten sind zu sehen. Wo sind die Jahre hin, die in ihrem Spiegelbild flüstern; der Wimpernschlag Zeit, der an ihr vorbeizieht: Arbeit, Verpflichtungen und dazwischen die Suche nach dem großen Glück. Doch wie sieht dieses Glück aus?

Die meisten suchen im Außen danach: In Anderen oder in einer Aufgabe. Doch was ist, wenn sie dieses Glück niemals findet? Und sieht eigenes, inneres Glück bloß aus?

Dann wird ihr klar, was sie glücklich macht: Die Tatsache, graue Haare und Falten zu haben. Ihr Glück ist es zu leben, an jedem einzelnen Tag.