Haiku

Drabble: Blutmond

Blinker, Blutmond, Hölle

Anne schaut in den frühen Abendhimmel. Es ist Blutmond. Sie denkt an ihn und fühlt den Schmerz, der mittlerweile wie eine Droge für sie ist: Anne will immer mehr, auch wenn er sie verletzt. Das alles ist nichts Neues für sie.

Anne setzt die Blinker falsch, bleibt bei Männern stehen, die sie benutzen und mit ihr spielen. Sie sucht nach Liebe und verliert sich immer mehr: Blutrote Küsse bringen ihr keine Erlösungen, dafür wage Versprechungen, die ihr Lebel zur Hölle machen.

Am Nachthimmel leuchten die Sterne. Kahler Acker liegt vor ihr; so viel Land, das darauf wartet, bepflanzt zu werden.


Verschiedenes

Einsamkeit

Es ist Sonntag, das Wochenende ist vorbei Was hat sie in den letzten zwei Tagen gemacht? Nichts, außer Haushaltstätigkeiten nachzugehen, einzukaufen und ins Fitnessstudio zu gehen. Alles allein, alles wie immer. Sie seufzt: In ihrer Komfortzone ist es warm, gemütlich und ziemlich einsam.

Sie hat keine Familie, keinen Partner und keine Kinder. Von ihren Freundinnen hat sie sich entfernt. Dafür hat sie ihre Karriere. Nur bringt ihr die keinen Kaffee ans Bett; sie ruft sie auch nicht an um zu fragen, wie es ihr geht oder ob sie ausgehen will. So bleibt sie allein zu Hause. Wochenende für Wochenende. Doch wie ist es überhaupt soweit gekommen?

Früher ging sie viel mit Freunden aus. Ob Tanzen, Essen gehen oder Barbesuche. Sie war immer unterwegs. Doch als ewiger Single, bei dem es einfach nicht mit der Liebe klappen wollte, wurde sie zum Einhorn, das irgendwann allein auf der Weide graste: Sie sah zu, wie ihre Freundinnen Partnerschaften eingingen, heirateten und Kinder bekamen. Man lebte sich auseinander. Jeden Tag ein bisschen mehr. Aus regelmäßigen Treffen wurden jährliche Zusammentreffen an Geburtstagen, die ein schales Gefühl bei ihr hinterließen. Sie stellte fest, dass Erinnerungen Menschen nicht für immer aneinander bindet, vor allem wenn keine neuen hinzukommen. Ein „Weißt du noch damals (…).“ reichte ihr irgendwann nicht mehr, um sich verbunden zu fühlen.

Damals gibt es nicht mehr. Sie ist ein anderer Mensch und sucht nach Verbindung, die über Erinnerungen hinausgeht; die durch Austausch und gemeinsame Erlebnisse wächst und sich vertieft. Doch obwohl sie weiß was sie will, wird es nicht einfacher für sie. Sie macht es sich selbst unnötig schwer.

Ihr Antrieb etwas an ihrer Situation zu verändern ist verloren gegangen. Sie muss sich eingestehen, dass sie still geworden ist und es sich bequem gemacht hat. Ihr Suchen hat sie aufgegeben und ihre Fragen an ihre Freunde sind verstummt. Sie nimmt ihre Einsamkeit hin. Obwohl sie nicht glücklich damit ist. Tief im Inneren weiß sie, dass sie selbst etwas verändern muss. Sie muss aktiv werden, das Gespräch suchen und sich für Neues öffnen. Die Gefahr ist zu groß, dass die Komfortzone zur dunklen Ecke wird, in der sie sich versteckt. Lebenslang. Dabei lebt Leben von Verbindung mit anderen. Und sie will leben. Lieber heute als Morgen.

Leben

Zukunft

Elena hört der Abschlussrede zu. Die Jahrgangsbeste spricht von der verheißungsvollen Zukunft, die nun vor ihnen allen liegt und sagt voraus, dass sie Großes leisten werden. Die Menge applaudiert und ihre Kommilitonen werfen ihre Hüte in die Luft. Sie lässt sich anstecken und macht mit, obwohl sie keine Glücksgefühle verspürt.

Nach der Rede macht sie mit ihren stolzen Eltern Fotos. Gequält lacht sie mit ihrem Zeugnis in der Hand in die Kamera. Elena fühlt sich verwirrt und unsicher: Sie hat keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Alle haben Pläne. Sabine macht ihren Master, weil sie irgendwann in der Forschung arbeiten will und Moritz hat bereits eine Stelle in einem Jugendclub. Elena weiß absolut nicht was sie nach ihrem Studium machen soll. Trotz ihrer Einladungen zu Bewerbungsgesprächen. Ihre Aussichten sind demnach weder verheißungsvoll noch großartig. Sie verabschiedet sich von ihren Kommilitonen und steigt zu ihren Eltern ins Auto. Zur Feier des Tages wollen sie gemeinsam essen gehen.

Elenas Haare wehen im Fahrtwind. Sie schließt die Augen und genießt den Moment, der ihr Freiheit vermittelt. Endlich ist es vorbei. Sie muss niemanden mehr etwas beweisen. Ihre Eltern sind zufrieden und glücklich. Doch sie ist es nicht.

Sie ist die erste in der Familie die studiert hat. Ihre Mutter erzählt jedem davon; ihrer Schwester, der Tante und selbst den Nachbarn: „Danach wird sie eine gut bezahlte Stelle annehmen und Karriere machen. Sie wird ein glückliches Leben führen und irgendwann eine Familie gründen. Alles, was wir uns für sie wünschen, wird in Erfüllung gehen.“ Ihre Eltern scheinen genau zu wissen, wie ihre verheißungsvolle Zukunft aussieht. Das Problem daran ist nur, dass Elena andere Vorstellungen von ihrem Leben hat.

Ihr wird klar, dass nicht mehr müssen will; sie möchte weder Erwartungen anderer erfüllen noch sich einem gesellschaftlichen System anpassen, ohne zu wissen, ob sie dadurch glücklich wird. Sie will sich selbst besser kennenlernen, das Leben ergründen, sich spüren und eigene Erfahrungen machen, um einen Weg zu ihrer eigenen Zukunft zu finden.

Elena hat immer mit einem Work and Travel Jahr geliebäugelt, aber nie mit ihre Eltern aus über ihren Wunsch gesprochen. Sie hat Angst, sie zu enttäuschen. Doch nun ist es an der Zeit, für sich selbst etwas Großartiges zu tun, um seine eigene Zukunft zu finden. Elena öffnet die Augen und lächelt.

Möwen

Sie steht barfuß im Sand, blickt aufs Meer und erinnert sich an ihn; an seine staunenden Kinderaugen beim Anblick der schlagenden Wellen.

Es war ihr erster Familienurlaub am Meer. Begeistert zog ihr kleiner Bruder seine Schuhe aus und lief stundenlang den Möwen hinterher. „Will fangen und fliegen“, jauchzte er vor Glück. Selbst abends im Bett strahlte er noch und bettelte darum, am nächsten Tag wieder zum Meer gehen zu dürfen, um die Möwen zu besuchen. Es war eine Zeit voller Freude und Unbeschwertheit. Bevor der Krebs kam und ihn nach einem langen Kampf mit sich nahm.

Die Wellen rauschen, Möwen fliegen am Himmel, drehen ihre Kreise und verschwinden Richtung Horizont. Sie blickt mit Tränen in den Augen zum Himmel und flüstert: „Mach’s gut kleiner Bruder. Du hast dein Glück gefangen und fliegst nun mit ihm.“

Schwalben

Drabble

Kamera, Sternzeichen, Eis

Pudding, Kino, singen

Der Kellner bringt das Essen. Roland greift zum Handy, öffnet die Kamera und macht ein Foto: Er postet seine Erlebnisse auf Instagram, weil er sein Leben mit jemandem teilen will. Doch das gesteht er sich nicht ein.

Roland isst alleine und fühlt sich unwohl. Er lenkt sich mit Scrollen ab. Ihm wird sein Horoskop für sein Sternzeichen angezeigt: „Dir wird heute klar, was dir wirklich fehlt.“ Er runzelt die Stirn.

Beim Verlassen des Restaurants blickt Roland in die Glastür und ihm wird klar, wonach er sich sehnt: Nach einem Menschen, der ihm sagt, dass sein Mund vom Eis verschmiert ist.


Sie stellt den Pudding auf den Tisch: Alles ist perfekt, für ihr Zweijähriges, das sie heute gemeinsam feiern.

Ihr Handy klingelt. Er ruft an und sagt ihr Essen wegen einem spontanen Meeting ab. Nach dem Telefonat flüstert ihr Hirngespinst: Er hat eine Affäre mit einer anderen. Sie verabredet sich mit ihrer besten Freundin, um sich abzulenken.

Im Kino kauft sie sich eine Karte, sucht den Vorführraum und geht hinein:

Das Licht geht an und er steht vor ihr. Die Leinwand zeigt Paarbilder von ihnen. Während ihre Freunde ihr Kennlernlied singen, geht er vor ihr auf Knie. Sie weint und nickt.

August