Etiketten

Es war einmal eine Prinzessin namens Marie, die in ihrem Königreich mit ihren Eltern zusammenlebte. Trotz ihrer Herkunft konnte sie wenig mit Bällen oder Empfängen anfangen, weshalb sie beides weitesgehend mied. Marie hasste es, ausstafiert zu werden, um einen geeigneten Ehemann für die Thronfolge zu finden. Viel lieber ritt sie mit ihrem Pferd Johannes aus. 

Als sie eines Tages von einem ihrer Ausritte zurückkam, wartete ihre Mutter am Schlosstor auf sie. Vorwurfsvoll tadelte sie Marie: „Du hast den Besuch von Baron Gustavson und seinen Sohn vergessen. Andreas wäre eine gute Partie für uns gewesen. Das weißt du genau. Marie, es reicht. Du bist alt genug, um zu heiraten.Wir werden einen Ball veranstalten: Du wirst ein hübsches Kleid anziehen und dir einen Ehemann aussuchen. Unser Königreich muss gesichert werden. Nach der jetzigen Gesetzeslage, kann keine Frau das Land regieren.“ Morgen beginnen wir mit den Planungen.“ Ihre Mutter drehte sich um und ging. Sie meinte es ernst. 

In der Nacht lag Marie auf ihrem Bett und starrte aus dem Fenster. Der Gedanke an den Ball und die Aussicht verheiratet zu werden raubten ihr den Schlaf. Sie verstand die königliche Etikette nicht: Warum musste sie heiraten? Warum konnte sie ihrem Vater nicht auf dem Thron folgen? Sie wäre eine gute Königin und würde mit ihren Ideen die Situation des Landes und ihres Volkes verbessern.

Schon als Jugendliche liebte sie es, ihren Vater mit seinen Beratern bei politischen Diskussionen zu beobachten. Diese Begeisterung nahm zu und intensivierte sich: Um den Debatten besser folgen zu können, verschlang sie Bücher mit Themen der Rhetorik, Politik und Soziologie. Mit der Zeit sammelte Marie viel Wissen an und entwickelte eigene Ideen, weshalb sie versuchte, sich in die Debatten miteinzubringen. Doch ihre Beiträge fanden kein Gehör. Ihr Vater erklärte ihr nach einer der Sitzungen, dass der wirtschaftliche Wachstum und das Forbestehen der Regentschaft im Fokus der politischen Debatten ständen. Dafür müssten strenge Gesetze und wenn nötig Kriegshandlungen zugestimmt werden. Solch harte Entscheidungen könnten nur von Männern getroffen werden. Marie war anderer Meinung. Sie hätte ihrem Vater gerne bewiesen, dass sie als Frau politische Entscheidungen im Sinne der Regenschaft und des Volkes treffen konnte. Mit Diplomatie und Verhandlungsgeschick würde sie Kriege verhindern, ohne den wirtschaftlichen Wachstum aus den Augen zu verlieren. Dabei würde sie nicht zu hohen Steuerabgaben oder anderen Einschränkungen greifen – im Gegenteil: Sie wollte, dass es dem Volk gut ging. Menschen, die in Frieden ohne Sorgen und Ängste lebten, arbeiteten produktiv. Mehr noch: Sie entwickelten selbst Ideen wie sie ihre Situation weiter verbessern können, um den Wohlstand der Stadt, der letztlich auch ihrer war, zu sichern. Dies wollte sie erreichen, in dem sie Entscheidungen in Abstimmung mit dem Volk traf. Ihr Traum war es, den Beraterstab mit Menschen aus dem Volk – Mann und Frau – zu ergänzen. Dieser sollte einmal pro Woche tagen und alle wichtigen Entscheidungen, die sie betrafen diskutieren. Da sie die Einstellung ihres Vaters nun kannte, erzählte sie ihm nichts von ihrer Idee und blieb den Debatten des Beraterstabs fern. Dennoch verfolgte sie die politischen Entwicklungen weiter – im Stillen, für sich. 

Regen prasselte gegen ihr Fenster. Marie rieb sich die Augen, sie war vollkommen übermüdet und beschloss, etwas zu schlafen. 

Als sie am nächsten Morgen erwachte spürte sie Entschlossenheit. Sie würde ein Konzept für ihre Idee des gemischten Beraterstabs erarbeiten. Hierzu würde sie ihr ganzes politisches Wissen nutzen. Wenn ihr Vater den Nutzen ihre Idee nachvollziehen würde, wäre er für Veränderung bereit. Vielleicht könnte sie ihre Eltern auch auf diese Weise davon überzeugen, dass sie der Krone würdig ist, so dass sie die königliche Etikette durch neue Gesetze verändern.

Um ihr Vohaben in die Tat umzusetzen, nahm sie wieder als Beobachterin an den politischen Debatten teil. Ihrem Vater, der überrascht reagierten, erklärte sie, dass sie ihr Wissen aus den Diskussionen nutzen möchte, um bei dem anstehenden Ball einen geeigneten Ehemann und König für das Land zu finden. 

In der dritten Sitzung erfuhr sie von den Schwierigkeiten des Landes: Das Volk hatte zum Widerstand aufgerufen, weil es nicht mehr bereit war, die hohen Abgaben zu zahlen. Ihr Vater sollte daher eine Rede auf dem Dorfplatz halten. In dieser würde er Entlastung versprechen, die durch Anleihen bei der Königskasse möglich waren. Diese sollten zur Gewinnmaximierung verzinst werden. Marie traute ihren Ohren nicht. Keiner der Berater hatte sich Gedanken darüber gemacht, wie die Situation des Volkes verbessert werden konnte. Es ging einzig allein um schnelle Gewinne mit wenig Aufwand, durch Ausbeutung der Menschen unter dem Deckmantel günstiger Kredite. Marie konnte angesichts dieser Ungerechtigeit nicht länger schweigen. Sie verwarf ihren ursprünglichen Plan und ergriff das Wort: 

„Vater, ich bitte darum sprechen zu dürfen.“ 

„Marie, du siehst doch, dass wir arbeiten. Stör uns bitte nicht.“ 

„Aber (…).“ 

„Schluss jetzt, das ist mein letztes Wort! Konzentriere dich lieber auf deine Pflichten und bereite dich auf den Ball vor. Und nun sei still.“ 

Marie senkte den Blick und nickte. Sie wusste, dass jedes weitere Wort zwecklos war. Er hatte als König gesprochen und sie hatte sich zu fügen, auch wenn sie sich etwas anderes wünschte.

Die darauffolgenden Tage vergingen schnell. Morgen hielt ihr Vater seine Rede. Marie war weiteren Debatten fern geblieben. Stattdessen hatte sie Ballkleider anprobiert und sich in gängigen Tänzen geübt. Ihre Mutter war hellauf begeistert: „Das blaue Kleid stand dir ausgezeichnet. Wenn du die Tänze übst, wirst du beim Ball über das Parkett schweben. Du wirst sehen, die Mühe lohnt sich. Schon bald bist du verheiratet.“ Marie nickte gequält und ließ die weiteren Planungen über sich ergehen. Danach ging sie auf ihr Zimmer. Sie blieb dem Abendessen fern, da sie nicht über den anstehenden Ball sprechen wollte. In der Nacht fragte sie sich, ob es richtig war, der königlichen Etikette zu folgen anstatt ihrem Herzen. Sollte sie nicht selbst entscheiden dürfen, wie sie ihr Leben gestalten will und das tun, was sie glücklich macht? Selbst wenn ihre Entscheidung ihre Eltern enttäuscht. Irgendwann schlief sie übermüdet ein – ohne eine Antwort auf ihre Fragen zu finden. 

Am Morgen wurden sie von ihren Zofen geweckt – ihr Tanzunterricht stand an. Während ihr Korsett geschnürt wurde, hörte sie, wie ihr Vater in seiner Kutsche mit seinem Beraterstab aufbrach. Dann wurde sie zum Unterricht gerufen. 

Mit einem Besenstil am Rücken übte Marie die aufrechte Haltung. Sie drehte sich brav im Kreis und hielt die Schrittfolgen ein. Während einer kurzen Pause blickte sie in den Spiegel. Auf einmal kannte sie die Antworten auf ihre Fragen. Sie ließ den Stock fallen und verließ den Saal. Die Rufe ihres Tanzlehrer ignorierte sie. Marie hatte erkannt, wer sie wirklich war und was sie vom Leben wollte: Sie wollte keinen Mann heiraten, der das Land nach gewohnter könglicher Etikette führte, sondern selbst regieren. Auch wenn es jetzt noch nicht der Zeitpunkt dafür gekommen war, wollte sie ihre Chance für eine politische Teilhabe nutzen. Zunächst würde sie ihren Vater von ihren Ideen überzeugen. Und zwar heute. Noch war Zeit dazu. 

Als sie auf Johannes den Dorfplatz erreichte, sah sie einen Pulk von Menschen mit Heugabeln und Stöcken. Ununterbrochen ertönten Buhrufe und Wortfetzen wie „Nieder mit dem König“. Marie ritt zu einem nahe gelegenen Baum und band ihr Pferd fest. Danach bahnte sie sich ihren Weg durch die Menge zu ihrem Vater, der wie erstarrt auf dem Rednerpodest stand und sich an seinem Stab festhielt. Sie ließ sich weder von den Soldaten noch vom Beraterstab aufhalten und stürmte zu ihm. Als sie ihre Hand auf seine Schultern legte, blickte er sie verwundert an. In seinen Augen lag ein Gefühl von Hilflosigkeit. Sie ergriff die Gelegenheit, nahm seinen Stab in ihre Hand und klopfte auf den Boden. Die Menge wurde ruhiger und blickte auf. Marie nutze den Moment und begann zu sprechen: „Wir haben euch etwas Wichtiges zu sagen. Uns ist bewusst, dass die Abgaben für Getreide und Gemüse zu hoch sind. Ihr leidet Hunger und seid unzufrieden. Wir nehmen eure Sorgen und Ängste ernst.“ „Ja sicher“, spottete ein Mann aus der Menge. „Es ist verständlich, dass euer Vertrauen in uns erschüttert ist. Zu lange haben wir weggesehen und waren nicht für euch da. Doch nun wird sich etwas ändern. Wir werden eine Veranstaltung organisieren, in dem wir mit euch zusammen eure Probleme, Ideen und Lösungen besprechen. Dafür bitte wir euch, 5 Vertreter aus eurer Mitte zu wählen, die eure Interessen vertreten. Dieser neue Beraterstab wird zukünftig regelmäßig tagen, um gemeinsam Entscheidungen des Landes zu treffen. Nun, was haltet ihr davon?“ „Meint ihr das Ernst?“, fragte eine Frau aus vorderer Reihe. „Vater, was sagst du?“ Es herrschte kurz Stille, bevor er mit fester Stimme antworte: „Ja.“ Die Menge applaudierte und fiel sich in die Arme. Währenddessen ergriff ihr Vater ihre Hand und drückte sie. Nach einer friedlichen Verabschiedung von den Menschen verließen beide gemeinsam das Rednerpodest. Marie brachte ihren Vater zu seiner Kutsche. Er war es, der das Gespräch suchte: „Marie ich danke dir. Deine Idee hat mich gerettet. Ich hätte schon früher auf dich hören sollen. Was hältst du davon, wenn du zukünftig den neu gebildeten Beraterstab moderierst?“ „Auch wenn ich eine Frau bin?“ „Es war schießlich deine Idee.“ „Das würde mich sehr freuen.“ „Wunderbar.“ Ihr Vater verabschiedete sich und drehte sich zur Kutsche. Marie spürte ihren Herzschlag. Es war an der Zeit das auszusprechen, was ihr auf dem Herzen lag. „Vater?“ Er drehte sich zu ihr: „Ja?“ „Ich will nicht heiraten.“ „Sondern?“ „Ich würde dir lieber irgendwann auf den Thron folgen. Auch ohne Mann. Selbst wenn die aktuelle Etikette es verbietet.“ „Gesetze können geändert werden.“ „Wie kommt es zu deinem Sinneswandel?“ „Es ist eine neue Zeit angebrochen. Das ist mir heute klar geworden. Durch dich. Dich irgendwann zur Königin zu krönen ist ein Ausdruck davon.“ 

„Ich wäre die erste Königin Vater.“ „Irgendwann ist immer das erste Mal.“

Drabble: Leben

Feder, Licht, Blume

Die Sonne scheint. Silke spürt das wärmende Licht auf der Haut. „Tut das gut. Schade, dass bald Abend ist.“ Silke setzt ihren Spaziergang fort.

Eine weiße Feder liegt am Boden. Der Wind trägt sie davon. „Glück bleibt eben nie lange.“ Silke seufzt und geht weiter.

Nach einer Weile setzt sie sich auf eine Parkbank. Eine ältere Dame nimmt neben ihr Platz. „Herrlich, wie die Blumen blühen oder?“, fragt sie. „Ja. Doch irgendwann verwelken sie und sterben.“ Die Dame lächelt. „Jeder Moment Leben ist kostbar, weil er einmalig ist.“ Sie verabschiedet sich und geht. Silke bleibt sitzen und betrachtet die Krokusse.

Gute Nacht

Liebe

Gedanken

Allerlei

April

Allerlei

Liebe

Frühling