Briefe an dich

Lieber Tom, 

es ist Sommer. Ich blicke vom Fenster aus auf unsere Rosen, die in voller Blüte stehen. 

Wir haben sie gemeinsam gepflanzt, als wir in unser Haus gezogen sind. „Sie werden wachsen und blühen, jedes Jahr ein bisschen mehr“, hast du damals zu mir gesagt, mich in deine Arme gezogen und innig geküsst. 

Bei dem Gedanken an diesen kleinen Moment Glück lächle ich und schließe meine Augen; ich sehe dein Gesicht vor mir und fühle deinem Atem an meinem Hals. Plötzlich strömt ein Windstoß durch das geöffnete Fenster und legt sich flüsternd über den Raum. Ich höre deine Stimme, öffne die Augen, blicke mich suchend um und stelle fest, dass ich allein bin. Mein Tagtraum bekommt Risse, mir wird kalt und ich bemerke, dass ich müde bin. Also beschieße ich, ins Bett zu gehen und zu schlafen, um dir wieder näher zu sein. Nur für einen kleinen Moment, möchte ich in meine Erinnerungen abtauchen, die ich weder loslassen kann noch vergessen will; wie es in meinem Bauch gekribbelt hat, als du mir tief in die Augen gesehen hast und, dass unser erster Kuss nach Erdbeeren geschmeckt hat. Mit einem tiefen Seufzen schwelge ich in meinen Gedanken und träume ich mich zu dir hin. 

Als ich aufwache ist es dunkel und mucksmäusschenstill. Nicht einmal mein Herz schlägt. Nicht ohne dich. Ein Gefühl von Schwere legt sich über mich, nimmt mir den Atem; ich begreife, was geschehen ist und beginne zu fühlen. All der Schmerz schreit aus mir. Ich beginne zu weinen. Laut und hemmungslos. Um dich, um uns und um all das, was wir noch gemeinsam erleben wollten. 


Lieber Tom, 

heute ist dein Geburtstag. Ich habe deinen Lieblingskuchen gebacken, eine Kerze angezündet und sitze am Tisch, den ich für uns gedeckt habe. Im Hintergrund läuft Musik aus dem Radio. Du hast immer gerne getanzt und gesungen. Vor allem beim Kochen. Einmal habe ich dich dabei in der Küche überrascht. Du hast mit dem Kochlöffel in der Hand inbrünstig mitgesungen und wild getanzt. „Was machst du da?“, habe ich dich amüsiert gefragt. „Spaß haben, komm mach mit“, hast du geantwortet und mir deine Hand gereicht. „Ich kann nicht tanzen, das weißt du doch.“ „Klar, kannst du das.“ Schließlich nahm ich deine Hand und tanzte lachend mit dir durch die Küche. So war das Leben mit dir: Freudig, verrückt und und unbeschwert. Du warst immer für eine Überraschung gut.

Ich probiere von dem Kuchen und trinke von meiner Tasse Kaffee, um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, was ich verloren habe. Doch ich bekomme nichts herunter. Aller schmeckt pappig und fad. Es hat keinen Zweck, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Also stehe ich auf, decke den Tisch ab, kippe meinen Kaffee ins Spülbecken und schmeiße den Kuchen in den Mülleimer. Schlagartig wird mir klar, dass ich mir etwas vormache: Es wird nie wieder so sein wie vorher. Wir werden nie wieder zusammen in der Küche tanzen und auch keinen Geburtstag mehr gemeinsam feiern. Alles liegt in weiter Ferne, ist nicht mehr zu greifen, obwohl es doch so lebendig in meinen Erinnerungen wirkt. Auf einmal verspüre ich Angst. Was ist, wenn ich dich vergesse? Wenn ich mich irgendwann nicht mehr an dich erinnern kann; weder an dein Gesicht noch an deine Stimme? Panisch greife ich nach meinem Handy, um auf unserem Haustelefon anzurufen, nur um zu hören, dass wir gerade besseres zu tun haben als zu telefonieren. Die nächsten Stunden verbringe ich damit, in unseren Fotoalben zu blättern und in unseren Erinnerungen zu verweilen.

Meine Sorge war unbegründet. Ich werde dich niemals vergessen. Selbst wenn ich am Himmel leuchte, werde ich nach dir suchen, um noch heller zu scheinen. Ich weiß, dass du mich finden wirst, weil wir zusammengehören. Im Leben und im Tod. 


Lieber Tom, 

es ist sechs Monate her, dass du gegangen bist. Die Welt dreht sich weiter, doch ich würde am liebsten aussteigen. Wenn ich auf unsere Bilder blicke, packt mich immer öfter die Wut. Sie sind alles was mir geblieben sind, von dem was wir hatten: Zeit die davon geflogen ist, weil wir glücklich waren.

Deine Habseligkeiten liegen verstreut in der Wohnung. Ich kann ihren Anblick nicht mehr ertragen. Sie sagen nichts über dich aus, sind kalt und seelenlos. Was dich ausgemacht hat kann ich hier nirgends mehr finden. Es ist einfach verschwunden: Dein Lachen, das durch die Räume hallte oder deine Lebensfreude, die in jeder deiner Worte und Handlungen Ja zum Leben sagte.

Ich merke, dass mich die Wut über meinen Verlust innerlich auffrisst; so sehr, dass ich Beileidskarten angewidert lese und in kleine Schnipsel zerreiße. Doch das kann meine Wut nicht bändigen. In Rage packe ich all deine Sachen in einen großen Müllsack und werfe sie in die Tonne. Danach gehe ich in den Garten, schneide ich unsere Rosen ab und werfe die Schere davon. Doch ich bin immer noch wütend. Ich schreie laut und werfe mich zu Boden, auf dem ich minutenlang eintrommle. Irgendwann bin ich wieder bei Sinnen. Ich begreife was ich getan habe und weine über den Verlust meiner Erinnerungen. Danach sammle die Rosen ein, um sie zu trocknen und hole den Müllsack aus der Tonne. Anschließend ziehe ich ein altes T-Shirt von dir an, lege mich auf die Couch und starre aus dem Fenster. Der erste Schnee fällt und alles wird still. Zumindest für eine Weile. 


Lieber Tom, 

heute ist Weihnachten.

Während ich den Baum schmücke, lächle ich selig vor mich hin: Die Kohlrouladen und der Rotkohl duften herrlich. Der Tisch ist geschmückt und für zwei gedeckt. Unter dem Weihnachtsbaum liegt ein Geschenke für dich. Ich habe dir eine neue Rennbahn gekauft, so wie du es dir gewünscht hättest. Du hast so gerne gespielt und neue Dinge ausprobiert. In deinem Inneren bist du immer ein Kind gelieben. Doch genau das habe ich an dir geliebt. Du hast in allem etwas Schönes gefunden, das Leben bestaunt und alle Momente wertgeschätzt. Und wie abenteuerlich du warst. Ohne dich wäre ich nie auf die Idee gekommen, Rennrad zu fahren oder am Meer zu Surfen. Wir waren so gegensätzlich und doch füreinander geschaffen: Die Denkerin und das wilde Herz. Niemand hat an unsere Liebe geglaubt. Meine Eltern haben sich einen strebsamen Karrieremenschen, Ehe und Kinder für mich gewünscht. Sie haben dich abgelehnt. Deine Freunde haben hinter unserem Rücken Wetten abgeschlossen, wann du mich verlässt, weil du von mir gelangweilt bist. Doch wir haben alle eines besseren belehrt. Wir blieben zusammen und waren glücklich miteinander, weil wir akzeptiert haben, wer wir sind und einander sahen; durch all die Oberflächlichkeiten hindurch, mitten in die Seele des anderen, so dass wir erkannten dass wir trotz unser Unterschiedlichkeiten dasselbe wollen: Eine Liebe, die beständig füreinander schlägt und durchs Leben trägt.

Wie also sollte ich ohne deine Liebe leben können? Ohne mein wildes Herz kann ich nicht atmen. Ich kann und will nicht akzeptieren, dass du nicht mehr da bist. Nichts ergibt mehr einen Sinn für mich, wenn ich dich gehen lasse.


Lieber Tom, 

heute ist der Tag, vor dem ich mich am allermeisten gefürchtet habe. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, von dir Abschied zu nehmen; wahrscheinlich, weil ich wusste, dass es danach kein Zurück mehr gibt. Doch irgendwann ist es an der Zeit, sich dem zu stellen, was geschehen ist: Du bist gestorben. Der Krebs hat dich mir vor über einem Jahr genommen und ich muss dich gehen lassen, um weiterleben zu können.

Ich habe diese Entscheidung getroffen, als ich in meinem Sessel saß und mit geschlossenen Augen die Muschel aus unserem Urlaub an mein Ohr hielt. So sehr ich mich auch anstrengte, es mir aus tiefstem Herzen wünschte und inbrünstig zu Gott flehte, ich konnte weder unser Meer noch deine Stimme hören. Wütend über meine Vergesslichkeit warf ich die Muschel auf den Boden und sie zersprang. Erschrocken über einen weiteren Verlust einer Erinnerung von uns weinte ich, bis mir die Luft ausging. In diesem kurzen Moment der Stille bemerkte ich, dass die Vögel sangen und die Sonne schien. Plötzlich dachte ich an unsere Rosen, die ich vor fast einem Jahr abgeschnitten hatte. Obwohl so viel Zeit vergangen war, war ich keinen Schritt weitergekommen. Im Gegenteil. Ich bin immer noch dort, wo ich schon war und drehe mich im Kreis.

Ich bin müde vom Weinen, leugne, um nicht weinen zu müssen und bin wütend, weil ich erfolglos für ein Wunder bete, das nicht geschehen wird: Du bist tot. Ich lebe.

So schmerzhaft diese Erkenntnis ist, umso heilsamer ist ihre Akzeptanz. Zum ersten Mal verspüre ich so etwas wie Frieden und Demut in mir: Auch wenn du nicht mehr hier bist, bist du immer bei mir. Niemand nimmt mir meine Erinnerungen an dich, unsere gemeinsame Zeit oder meine Liebe zu dir.

Auf einmal kann ich mich daran erinnern, was du zu mir zum Abschied gesagt hast:

„Dein wildes Herz schlägt jetzt in deiner Brust“, hast du mir zum Abschied gesagt. Erst jetzt begreife ich, wie deine Worte gemeint waren.

Ich lege meine Hand auf mein Herz und spüre, wie es schlägt. Danach ziehe ich mich an, nehme meine Tasche und gehe ich los. 

Nachdem ich rote Rosen auf dein Grab gepflanzt habe, blicke ich zum Himmel. Der Wind rauscht leise, ich höre deine Stimme und lächle.

Aktuelle Gedanken

Wir kaufen Ratgeber in Buchhandlungen, entwerfen Skizzen für unser Leben, gehen voller Mut los, doch stolpern beim ersten Schritt und bleiben liegen. Wieder hat uns der Selbstzweifeldrache zu Fall gebracht. Gedanken und Vergleiche trampeln unsere mühevoll erbaute Stadt bieder, bis sie in Schutt und Asche liegt.

Wie geht’s nun für uns weiter?

Sollen wir auf einen Drachentöter hoffen oder noch besser auf einen Retter warten, der uns aus unserem Angstturm befreit?

Wir können aufstehen, weitermachen, damit aufhören, uns zu vergleichen und bei uns bleiben; wir erschaffen unsere Städte und sollten nie vergessen -Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden.


Die Wahlergebnisse schlagen ein wie ein Komet: Von rechts nach links – Extreme gewinnen. Wer am lautesten schreit behält Recht, ohne zu wissen womit. Hauptsache Angst wird geschürt. Wir wird zum wütenden Wolf, der mit seinem Rudel alle zerfleischt, die nicht derselben Meinung sind. „Wir gegen alle“, lautet die Parole.

Unser ursprüngliches wir verliert sich; es wurzelt nicht mehr auf Liebe oder ein Miteinander, sondern auf Angst oder Hass. Es geht nicht darum, einander kennenzulernen, den anderen zu verstehen, um sich zu verbinden, sondern ums gewinnen und Recht behalten.

Doch der größte Verlierer ist das Leben, das um den Frieden bangt.

Drabble

Beige, Wimmer,abstrakt

Trau dich du selbst so sein. In einer Welt aus beige, darfst du die Wüstenblume sein, die in ihren schönsten Farben blüht.

Aus dem leisen Wimmern wird deine Stimme, die danach strebt, sie selbst zu sein; ohne Schein oder Trug durch abstrakte Bilder von dir, die zwar Trends folgen, aber nicht authentisch sind, weil sie nicht deinem Selbst entsprechen.

Dein eigenes Bild, deine Farbe, machen die Welt bunter und vielfältiger. Individualität braucht keinen Applaus, weil sie sich nicht in ihrer Suche nach Anerkennung verliert, sondern ihrer Stimme folgt, die jeden Tag spricht: „Ich bin und das ist auch gut so.“

Poesiemontag (Instagram): Eilen

Prosa

Poetry

Drabble: Kinderherzen

Firlefanz, abstrus, Schutz

Unser inneres Kind will Firlefanz treiben; barfuß über Stock und Stein laufen, um zu fühlen: Alles was ist, in uns und um uns –

die Freude am Leben, jeder Moment ein Staunen über die Wunder, die sich zeigen. Im Kleinen und im Großen, schlagen unsere Kinderherzen, ohne Angst oder Zweifel:

Niederlagen werden zu Herausforderungen; hinfallen, aufstehen, weitermachen und sich ausprobieren, selbst wenn es abstrus auf andere wirkt und keinen Sinn ergibt. Hauptsache wir glauben an uns.

Der Schutz vor der Härte eines Erwachsenenlebens: Ein Zugang zum eigenen inneren Kind, das an Märchen glaubt und bedingungslos liebt; sich selbst und das Leben.


„Was ist das für ein Firlefanz?“, fragt sie. „Eine Autorennbahn. Als Kind habe ich es geliebt, die Autos zu beschleunigen und über Schanzen springen zu lassen.“ Sie schüttelt ihren Kopf: „Das klingt abstrus; du bist erwachsen. Reparier lieber den Tisch. Es gibt genug zu tun.“ „Eben“, antwortet er. „Immer muss ich etwas; mit meinen Autos habe ich einfach mal Spaß und bin. Hast du es mal ausprobiert? Komm wir fahren um die Wette.“

Zehn Minuten feuern sich beide an. Ihre Aufgaben sind vergessen; Kind sein, der beste Schutz, um sich an das zu erinnern, was wirklich im Leben zählt: Freude.

Poetry

Constanzes Sommer

Constanze liegt auf ihrem Bett und blickt hinaus: Der lila Flieder steht in voller Blüte. Es ist Sommer. Sie denkt an ihn und erinnert sich. 


Samstag, 24.06.1911

Heute habe ich auf dem jährlichen Sommerball debütiert. Nicht ohne jahrelange Vorbereitung: Ich habe mich in Konversation geübt, Tanzunterricht genommen und gängige Benimmregeln studiert. Seit Kindesalter werde ich von meinen Eltern auf die Rolle als Ehefrau vorbereitet. Nun war es so weit, dass ich meine Pflichten nachkomme und nach einem geeigneten Mann zum Heiraten Ausschau halte. Ich war bereit den Etiketten als Frau aus reichem Hause zu folgen, ohne sie zu hinterfragen. Bis heute. 

Auf dem Ball habe ich sämtliche Tanzeinladungen angenommen. Doch alle Männer, die mich aufforderten, waren 20 Jahre alter als ich. Sie drehten mich steif im Kreis, drückten sich hölzern aus und verzogen keine Mine. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte bei keinem von ihnen auch nur ansatzweise ein Gefühl der Symphatie entwickeln. Ich fühlte mich unwohl und wollte aus der Situation ausbrechen. Also gab ich vor, eine Pause zu benötigen und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin wurde ich von einem Servierer angerempelt. Als ich mich umdrehte blickte in zwei dunkelbraune Augen und spürte etwas, das mich verwirrte und irritierte: Herzklopfen, das sich bis in meinen Bauch zog und dort kribbelte. Ich war nicht instande etwas zu sagen und blickte ihn weiter an. Er entschuldigte sich und bot mir ein Glas Champagner als Entschädigung an. Doch anstatt die Konversation voranzutreiben, senkte ich den Blick und lehnte dankend ab. Er lächelte und verschwand in der Menge. Ich ging zurück zu meinen Eltern. Doch ich konnte an nichts anderes denken als an ihn und erfand schließlich eine Ausrede, um nach ihm zu suchen. Als ich mein Vorhaben schon aufgeben wollte, fand ich ihn auf der Terasse. Er sammelte leere Gläser ein. Ich beobachtete ihn fasziniert. Seine Bewegungen waren geschmeidig und schnell. In seiner Uniform wirkte er stattlich. Er war groß und muskolös. Alles an ihm strahlte Lebendigkeit und Leidenschaft aus. Ich verspürte eine enorme Anziehung und wünschte mir nichts sehnlicher, als ihm nahe zu sein. Schließlich fasste ich mir ein Herz und sprach ihn an. Sebastian und ich unterhielten uns kurz. Wir mussten vorsichtig sein, um nicht entdeckt zu werden. Schließlich lud er mich flüsternd für nächste Woche zum Spaziergang ein, bevor er sich mit den Worten „ich gebe Ihre Bestellung weiter“, verabschiedete. Glücksbeseelt ging ich zum Tisch meiner Eltern zurück, nur um mich sofort schuldig zu fühlen, weil ich abseits der gesellschaftlichen Konventionen gehandelt hatte: Eine Frau meines Standes spricht niemals einen Mann an. Noch dazu aus der Arbeiterklasse. Sie erwägt auch nicht, sich mit ihm zu verabreden oder ihn kennenlernen zu wollen. Vor lauter Schuldgefühlen schwieg ich den Rest des Abends und auf der Fahrt nach Hause. 

Doch nun sitze ich an meinem Frisiertisch, schreibe Tagebuch und verspüre Glück. Das Gefühl, das er in mir auslöst, ist stärker, als die Last der alt bekannten Regeln, die ich seit jeher kenne. Dennoch ist mir bewusst, dass unsere Bekanntschaft keine Zukunft hat: Meine Eltern würden Sebastian niemals akzeptieren und erst recht nicht einer Heirat zustimmen. Obwohl ich all das weiß und mein Verstand mir dazu rät die Verabredung nicht einzuhalten schlägt mein Herz beim Gedanken an ihn. Ich kann nicht anders und zähle die Tage bis zu unserem Treffen. 


Sonntag, 02.07.1911 

Unser Treffen war wunderbar. Sebastian ist so frei und unbekümmert, das es mein Herz erwärmt. Er trägt was er will, macht was er will und lebt nach seinen eigenen Regeln. Ich wünschte, mir würde es auch so gehen. Anstatt Kopfschmerzen wegen hunderte von Nadeln in meinen Haar zu haben, kaum unter einem zu eng geschnürten Korsett atmen zu können oder aufgrund von Absatzschuhen an den Fußen unter Blasen zu leiden, möchte ich barfuß in lockerer Hosen und leichtem Hemd auf Wiesen laufen. So wie ich es heute in seiner Kleidung getan habe. Wir sind spazieren gegangen und haben an einem See Rast gemacht. Es war ein herrlicher sonniger Tag. Sebastian fragte mich, ob wir schwimmen gehen wollen. Er half mir aus meinem Kleid und dem Korsett. Es fühlte sich wie eine Befreiung an, als beides zu Boden fiel. Endlich konnte ich atmen. Danach entfernte ich die Nadeln aus meinem Haar, das ich wie immer straff zusammengebunden hatte. Mit jeder Nadel löste sich etwas in mir und ich wurde offener für den Moment mit ihm, der vor mir lag. Sebastian reichte mir seine Hand, in die ohne zu Zögern einschlug. Gemeinsam rannten wir in den See und warfen uns ins Wasser. Zum ersten Mal fühlte ich mich frei und unbeschwert. Ich stieß einen Schrei aus, als ich die Kälte des Sees spürte. Ohne mich darum zu Kümmern, ob sich mein Verhalten für eine Frau wie mich gehörte. Schließlich tauchte ich unter und öffnete die Augen. Alles war neu und aufregend für mich: Keine Regeln, die es zu befolgen gab, stattdessen einfach das machen, wonach mir der Sinn steht. Als ich Luft holen musste tauchte ich auf und warf mein Haar zurück. Ich blickte zum Himmel, spürte die Sonne auf meiner Haut und lächelte. „Wie schön du bist“, sagte Sebastian zu mir. „Danke“, antwortete ich und schwamm auf ihn zu. Als ich nahe genug war, zog er mich zu sich heran und wir blickten uns in die Augen. Dann küssten wir uns und die Zeit stand still. Es gab nur ihn und mich. Nackt und verletzlich in diesem Moment, in dem wir beide waren wer wir sind. Danach lagen wir Arm in Arm auf dem Gras unter Fliederbäumen. Es war der schönste Tag in meinem Leben.

Nun weiß ich, dass meine Eltern unrecht haben: Liebe baut keine Luftschlösser, sie sieht einander und verbindet sich auf diese Weise in zwei Menschen. 


Samstag, 25.07.1911

Momentan lebe ich in zwei Welten – auf langweiligen Teenachmittagen mit belanglosen Gesprächen bin ich die Constanze, die ihren Verpflichtungen nachkommt: Stets sittsam und auf Etikette bedacht. Bei Sebastian bin ich: Es gibt keinen Plan, kein Muss oder Soll. Wir sind einfach, auch wenn wir schweigend nebeneinander liegen und in den Himmel zu blicken. Alles ist so viel leichter und freier mit ihm, weil ich nicht ständig darüber nachdenken muss, ob ich alles richtig mache, um ihn von mir zu überzeugen: Kein Vorspielen oder kein Verstecken in teuren Kleidern, aufwändigen Frisuren oder kostspieligen Kosmetika. Ich bin und das genügt ihm. Nun weiß ich, was Glück bedeutet: In der Einfachheit das Besondere entdecken und schätzen zu lernen. Wenn ich mit Sebastian zusammen bin, empfinde ich in jedem Moment Dankbarkeit; selbst bei einem Essen, das aus einer leichten Brühe besteht. Wir erleben den Moment zusammen, zelebrieren ihn förmlich, durch Unterhaltungen über unsere Träume und das Leben. Unsere Verbindug geht über das übliche, das ich kenne, hinaus und erfüllt mich mit tiefer Liebe. In meiner alten Welt hat alles einen Nutzen und folgt einer Regel: Abendessen auf Gesellschaften dienen dazu, seinen Reichtum zu zeigen und Geschäfte zu machen, in Gesprächen gilt es, sich angemessen zu verhalten und stets den Schein zu wahren. Keiner will dich wirklich kennenlernen und niemand will von deinen Träumen wissen; vor allem, wenn sie nicht den gängigen gesellschaftlichen Regeln entsprechen. Auf diese Weise bleiben alle Verbindungen, die man schließt, austauschbar, belanglos und kalt. Hätte ich Sebastian nicht kennengelernt, wäre mir das wahrscheinlich nie bewusst geworden. 

Nichtsdestotrotz weiß ich, dass ich mit dem Feuer spiele. Darüber hinaus bereiten mir die heimlichen Treffen ein schlechtes Gewissen: Ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Eltern. Schließlich haben sie mir meinen Namen gegeben, den es abzusichern gilt. Daher nehme ich die Verabredungen, die meine Eltern neuerdings für mich arrangieren, wahr ohne mit meinem Herzen dabei zu sein. Das gute an unseren Kreisen ist, dass so etwas niemand bemerkt. Es genügt eine schöne Hülle zu sein, mit der man sich schmücken kann. Niemand von meinen Verehrern blickt in mein Herz, das für Sebastian schlägt und an die glücklichen Stunden mit ihm denkt. Wie lange kann ich mein Versteckspiel aufrecht ohne, dass man es entdeckt? Natürlich wäre es vernünftig ihn aufzugeben. Doch er hat in mir etwas geweckt, was lange geschlummert und darauf gewartet hat, zu erblühen. Dieser Sommer ist der erste, in dem ich wirklich lebe. Ich kann und will nicht mehr ohne ihn sein. Aber wäre ich bereit mit meinen Eltern zu brechen, um mit ihm richtig zusammen sein zu können? Obwohl mich diese Fragen quälen, verdränge ich sie, so gut es geht; wohl weißlich, dass ich Angst vor einer endgültigen Entscheidung habe. 


Dienstag, 15.08.1911
Der Sommer vergeht wie im Flug. Die Tage sind lang und glücklich. Zumindest wenn ich bei Sebastian bin. Immer öfter redet er von einem gemeinsamen Leben. Auch wenn wir uns erst so kurz kennen, fühlt es richtig für mich an, weil uns etwas Echtes und Tiefes verbindet. Wenn nur nicht meine Angst vor einer Entscheidung so groß wäre. Nachts, wenn ich allein bin und mich quälende Gedanken um die Zukunft wach halten. Doch bei ihm, in seinem Ein-Zimmer Wohnung ist alles in Ordnung, Wir malen uns die Welt nach unseren Vorstellungen. Als verheiratetes Paar mit zwei Kindern in einem fernen Land, wo uns niemand kennt. Neu anfangen, weit ab von den Konventionen die uns beide hier in ihren Heimlichkeiten gefangen hält. Die Vorstellung unsere Liebe frei auszuleben lässt mein Herz höher schlagen. Er redet von Amerika. Genauer gesagt von New York. Er schwärmt von der aufstrebenden Metropole, in der glaubt sich verwirklichen zu können. Dort hätte er die Möglichkeit seiner eigentlichen Leidenschaft nachzugehen: Als Künstler erfolgreich zu sein. Deswegen nimmt er alle Gelegenheitsarbeiten an; er spart auf ein Ticket für die Titanic. Ein modernes, überaus großes Schiff, das hier in Nordirland in die hohe See aufbricht. Noch hat er mich nicht gefragt, doch ich spüre, dass es bald soweit ist und was er sich von mir wünscht: Mit mir zusammen in ein neues Leben aufzubrechen. Auch wenn ich diese Vorstellung wunderbar finde, habe ich Zweifel, die meine Entscheidung erschweren: Will ich wirklich alles aufgeben, um mit Sebastian zusammen leben zu können. Wenn ich mich für ihn entscheide, gibt es kein Zurück. Ich kenne meine Eltern. Sie werden nie wieder ein Wort mit mir reden, wütend und enttäuscht darüber sein, dass ich ihren Forderungen, die sie seit Kindesbeinen an mich stellen, nicht erfülle: Einen reichen Mann heiraten, der den finanziellen Status der Familie sichert. Ich, die als Frau die Erbfolge nur durch eine Hochzeit mit einem Mann aus meinem Stand absichenr kann. Auch wenn Sebastian mir sagt, dass er mich liebt, frage ich mich ob diese Liebe beständig ist. Was passiert wenn wir scheitern, weil sich seine Träume nach Erfolg nicht erfüllen, wir uns deshalb streiten und ich ihm Vorwürfe mache, weil ich mich wegen ihm von meinem sicheren Leben verabschiedet habe. Ich, allein in New York, ohne eigene Träume oder ein Talent, das besonders hervorsticht. Wie soll ich mich ohne inneren und äußeren Schein durchschlagen; ich hätte nichts an dem ich mich festhalten kann. Ich bin nicht wie Sebastian; ein Mensch, der in allem etwas Gutes sieht. Ohne ihn wäre ich verloren, in einer Welt, die ich nur durch ihn kenne. Auch wenn ich Sebastian liebe, bemerke ich, dass sich meine Zweifel nicht auflösen. Dabei wünsche ich es mir so sehr; für mich, für ihn, für uns. 


Sonntag, 15.10.1911

Der Sommer ist vorbei und der Herbst zieht ein. Mit großer Trauer blicke ich auf die gelben Blätter, die von den Bäumen fallen und auf dem Boden verenden. Sebastian und ich sehen uns in letzter Zeit wenig. Sein Entschluss steht fest: Er will mit der Titanic nach New York aufbrechen und Nordirland hinter sich lassen. Nun ist er dabei, durch zahlreiche Gelegenheitsarbeiten Geld anzusparen für das Leben, das er mit mir beginnen will. Er hat Tickets für die dritte Klasse gekauft; eins für ihn, eins für mich. Vor zwei Wochen hat er mir die Frage gestellt, vor der ich mich schon lange fürchte: Willst du mit mir zusammen leben? Ich konnte mich zu keiner Antwort durchringen und bat um Zeit, um eine endgültige Entscheidung treffen zu können, was er respektiert. Auch wenn er mir fehlt und ich oft an ihn denke, bin ich froh über unseren Abstand. Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll. Die Zweifel an unserer Liebe werden immer größer. Reicht sie wirklich, um dauerhaft glücklich zu sein, auch wenn man nichts hat, außer einander? Oder behält meine Mutter am Ende recht, dass Luftschlösser zusammenfallen, dass ihre Ruinen nur schmerzhafte Erinnungen an eine gescheiterte Liebe zurücklassen? Wenn ich nur Antworten auf meine Fragen finden würde.

Vielleicht verstärken sich meine Zweifel auch durch meine Verpflichtungen, die mir in letzter Zeit vermehrt vor Augen geführt werden, weil sie mich daran erinnern, wer ich bin und was von mir erwartet wird: Meine Eltern haben mir Eduard vorgestellt. Einen Mann in den Vierzigern mit Landgut und einem großen Vermögen. Er ist höflich, rücksichtsvoll und wie alle anderen Männer aus meinem Stand: Steif, ohne Mimik und hölzer. Wir treffen uns fast täglich.und sprechen über belanglose Dinge, die allesamt an der Oberfläche kratzen. Ich empfinde für ihn rein freundschaftlich, mehr nicht. Doch ihm scheint das zu reichen: Heute hat er mir signalisiert, dass er auf eine eheliche Verbindung mit mir hofft. Ich dankte ihm höflich und verabschiedete mich, unfähig seinem Antrag mit einem entschiedenen Nein zu begegnen. Eduard gab mir zum Abschied einen Handkuss und teilte mir mit, dass er auf meine Antwort warten würde. Er ließe mir Zeit, über sein Angebot nachzudenken. Als ich von meiner Mutter davon berichtete, strahlte sie und beglückwünschte mich. „Du hast doch hoffentlich Ja gesagt oder etwa nicht?“ Ich blickte sie an, stotterte und druckste herum; dass, was ich ihr sagen wollte, kam mir nicht über die Lippen. Ich war zu feige, um zu Sebastian und mir zu stehen, weil ich zu viel Angst vor den Konsequenzen meiner Entscheidung hatte. Der Moment verflog, meine Mutter klatschte in die Hände und umarmte mich. „Dann machst du es Morgen. Sofort. Ich bin so stolz auf dich, dass du so eine gute Partie machen konntest. Ich erzähle es gleich deinem Vater.“ Ich nickte und ging auf mein Zimmer. Als ich aus dem Fenster blickte, wurde mir bewusst, dass die Bäume ihren letzten Blätter verloren haben. Der Herbst ist da und es dauert nicht mehr lang, bis der Winter kommt. 


Mittwoch, 15.11.1911 

Ich stecke mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Unsere Verlobung wurde bereits in unserem Kreise bekannt gegeben. Meine Eltern wollen, dass ich so schnell wie möglich heirate. Sie haben wohl Angst, dass ich es mir anders überlege. Vielleict sieht man mir an, dass ich nicht glücklich bin. Woher ich das weiß? Ich habe das Glück kennengelernt, mit Sebastian. Mit ihm bin ich barfuß auf Wiesen gelaufen, habe in Unterwäsche Wein getrunken und über das Leben philsophiert; ich war frei und ungezwungen, ohne irgendwelche Benimmregeln, die mich einschnüren oder mir die Luft nehmen. Mit Eduard ist alles anders. 

Mit ihm sitze ich zugeknöpft und zugeschnürt im feinsten Kleid an seinem Esszimmertisch, immer darauf bedacht, das richtige zu tun oder zu sagen. Es geht nicht um mich oder um uns, sondern darum, ein Bild von mir abzugeben, das ihm gefällt. Mein Leben dreht sich einzig und allein darum, die perfekte zukünftige Ehefrau für ihn zu sein: Treusorgend und ergeben. Meine Zukunft ist bereits geschrieben; Heiraten, Kinder bekommen und meine Pflichten als Ehefrau erfüllen. All dies ertrage ich nur, weil ich die Erinnerungen an Sebastian noch in meinem Herzen trage. Aufgrund seiner Arbeiten haben wir uns in den letzten Wochen nur einmal gesehen. Bei unserem Treffen war ich kalt und abweisend. Ich wich seinen Küssen aus und gab nur wage Äußerungen von mir, als er sich nach meiner Entscheidung zu unserer gemeinsamen Zukunft erkundigte. Was sollte ich ihm auch sagen? Dass ich zu feige bin, zu mir selbst zu stehen, weil ich zu viel Angst habe, dass unsere Liebe nicht stark genug ist, um uns für ein ganzes Leben zu tragen und ich mit den Konsequenzen eines Scheiterns nicht leben könnte? Er würde mich nicht verstehen. Für ihn ist immer alles nur halb so schwer. „Du denkts zu viel und lebst zu wenig“, sagte er oft zu mir. Ich glaube er hat Recht. Aber ich kann nicht aus meiner Haut heraus, so sehr ich auch will. Wie könnten wir glücklich werden, wenn wir so verschieden sind? Auch wenn ich ihn vermisse, bemerke ich, wie der Winter meine Hoffnung auf eine gemeinsam Zukunft mit ihm begräbt. Vielleicht war alles nur ein schöner Sommertraum unter duftenden Flieder, der nun in meinem Herzen weiterlebt; von dem ich zehren kann, wenn mich alles, was ich zu erfüllen habe, erdrückt. Ich muss es ihm sagen, beim nächsten Treffen. Morgen kommt er zurück. 


Dienstag, 12.12.1911

Ich bin bei Eduard eingezogen, unsere Hochzeit ist für Januar anberaumt. Sebastian weiß Bescheid. Gute Nachrichten verbreiten sich schnell, schlechte ebenso. Es war das erste, was er mich fragte, als wir uns heimlich trafen. Zum allerletzten Mal. Ich konnte ihn kaum ansehen. Vor allem, weil ich nicht wollte, dass er bemerkt, wie sehr ich mit meiner Entscheidung hadere. Ich wollte stark und selbstsicher wirken, um es für uns leichter zu machen. Das Gegenteil war der Fall. Es zeriss mir das Herz von ihm Abschied nehmen zu müssen. Doch ich blieb stark. Als er mich noch einmal umarmte sagte er mir, dass er mich immer lieben würde; dass er den Sommer mit mir, der wie ein ganzes Leben für ihn war, niemals vergisst. Weil ich den Schmerz kaum aushalten konnte, löste ich mich aus der Umarmung und drehte mich von ihm weg; ich wollte nicht, dass er meine Tränen sieht. Dann sagte ich ihm Aufwiedersehen und ging. 


Montag, 11.03.1912

Ich bin offiziell verheiratet. Das Fest war berauschend und prachtvoll. Jede Frau aus meinem Stand hätte sich gefreut. Jede, außer ich. Während ich Eduard mein Ja Wort gab, dachte ich an Sebastian und weinte; doch nicht vor Freude, wie unsere Gäste dachten, die uns applaudierten und gratulierten. Beim Hochzeitstanz lächelte ich gequält und ließ mich von ihm führen. Ich tanzte im Kreis, bis mir schlecht wurde.

Seitdem habe ich meinen ehelichen Pflichten nachzukommen: Tag und Nacht. Auch wenn ich sie erfülle, fühle ich nichts dabei. Ich bin eine leere Hülle, habe mich ausgeschaltet, um nicht in meinem Schmerz zu versinken. Während ich schreibe, fällt mir auf, dass die Bäume grünen; bald schon ist Frühling, das Leben bricht auf, diesmal ohne mich. 


Montag, 18.03.1912

Heute ist mir ein Brief zugestellt worden. Er war von Sebastian. In ihm war ein Ticket für die Titanic und eine kleine Notiz: Bereit für einen weiteren Sommer? Voller Freude drückte ich das Ticket an mein Herz und stellte mir vor, wie wir auf dem Schiff zusammen an der Reling stehen würden; wir würden auf das Meer blicken und unsere Zukunft sehen, die jeden Tag näher rücken würde. Vor lauter Glück tanzte ich durch die Räume und jubelte laut. Da wusste ich, dass ich mich entschieden hatte. Seltsam, wie das Leben manchmal spielt. Vielleicht muss man zuerst falsche Entscheidungen treffen, um zu wissen, was richtig ist. Ich werde den Brief verstecken und heimlich meinen Koffer packen. Eduard ist die meiste Zeit über mit seiner Arbeit beschäftigt. Er wird es erst abends bemerken, dass ich nicht mehr bei ihm bin. Bis dahin bin ich aufgebrochen. Gemeinsam mit Sebastian. Mein Herz klopft wenn ich an ein Leben mit ihm denke. Ich zähle die Tage bis zur Abfahrt. Auf einmal ist alles wieder leicht und unbeschwert. 


Sonntag, 14.04.1912

Ich bin nicht gefahren. Den Brief habe ich zerissen und meinen Koffer wieder ausgepackt. An dem Morgen, als das Schiff abfuhr, teilte mir der Arzt mit, dass ich in freudiger Erwartung bin. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich für meine Entscheidung Verantwortung übernehmen muss. Die Zeit des Träumens ist vorbei; dass ist nun mein Leben – ich bin eine verheiratete Adelsfrau, die ihre Pflichten zu erfüllen hat. Es gibt keine Barfußtänze mehr, kein Schwimmen in Unterkleidern, nur den schönen Schein, den es zu wahren gilt. Ich habe meine Zukunft selbst gewählt, weil ich zuviel Angst hatte, dass die Liebe von Sebastian und mir nicht ausreicht, um zu bestehen. Durch mein Denken, habe ich mein Glück verpasst und bin Konventionen gefolgt, die mich lebenslang erdrücken werden. 

Schlagartig wird mir bewusst, dass es für mich nie wieder Sommer sein wird: Der Flieder würde nie wieder so duften wie an diesem Tag mit ihm. 


Mit ihren letzten Atemzug verabschiedet sie sich mit 80 Jahren von ihrem Leben. Sie riecht den Flieder, sieht sein Gesicht und lächelt.

Blüten und Schatten