Zukunft

Elena hört der Abschlussrede zu. Die Jahrgangsbeste spricht von der verheißungsvollen Zukunft, die nun vor ihnen allen liegt und sagt voraus, dass sie Großes leisten werden. Die Menge applaudiert und ihre Kommilitonen werfen ihre Hüte in die Luft. Sie lässt sich anstecken und macht mit, obwohl sie keine Glücksgefühle verspürt.

Nach der Rede macht sie mit ihren stolzen Eltern Fotos. Gequält lacht sie mit ihrem Zeugnis in der Hand in die Kamera. Elena fühlt sich verwirrt und unsicher: Sie hat keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Alle haben Pläne. Sabine macht ihren Master, weil sie irgendwann in der Forschung arbeiten will und Moritz hat bereits eine Stelle in einem Jugendclub. Elena weiß absolut nicht was sie nach ihrem Studium machen soll. Trotz ihrer Einladungen zu Bewerbungsgesprächen. Ihre Aussichten sind demnach weder verheißungsvoll noch großartig. Sie verabschiedet sich von ihren Kommilitonen und steigt zu ihren Eltern ins Auto. Zur Feier des Tages wollen sie gemeinsam essen gehen.

Elenas Haare wehen im Fahrtwind. Sie schließt die Augen und genießt den Moment, der ihr Freiheit vermittelt. Endlich ist es vorbei. Sie muss niemanden mehr etwas beweisen. Ihre Eltern sind zufrieden und glücklich. Doch sie ist es nicht.

Sie ist die erste in der Familie die studiert hat. Ihre Mutter erzählt jedem davon; ihrer Schwester, der Tante und selbst den Nachbarn: „Danach wird sie eine gut bezahlte Stelle annehmen und Karriere machen. Sie wird ein glückliches Leben führen und irgendwann eine Familie gründen. Alles, was wir uns für sie wünschen, wird in Erfüllung gehen.“ Ihre Eltern scheinen genau zu wissen, wie ihre verheißungsvolle Zukunft aussieht. Das Problem daran ist nur, dass Elena andere Vorstellungen von ihrem Leben hat.

Ihr wird klar, dass nicht mehr müssen will; sie möchte weder Erwartungen anderer erfüllen noch sich einem gesellschaftlichen System anpassen, ohne zu wissen, ob sie dadurch glücklich wird. Sie will sich selbst besser kennenlernen, das Leben ergründen, sich spüren und eigene Erfahrungen machen, um einen Weg zu ihrer eigenen Zukunft zu finden.

Elena hat immer mit einem Work and Travel Jahr geliebäugelt, aber nie mit ihre Eltern aus über ihren Wunsch gesprochen. Sie hat Angst, sie zu enttäuschen. Doch nun ist es an der Zeit, für sich selbst etwas Großartiges zu tun, um seine eigene Zukunft zu finden. Elena öffnet die Augen und lächelt.

Möwen

Sie steht barfuß im Sand, blickt aufs Meer und erinnert sich an ihn; an seine staunenden Kinderaugen beim Anblick der schlagenden Wellen.

Es war ihr erster Familienurlaub am Meer. Begeistert zog ihr kleiner Bruder seine Schuhe aus und lief stundenlang den Möwen hinterher. „Will fangen und fliegen“, jauchzte er vor Glück. Selbst abends im Bett strahlte er noch und bettelte darum, am nächsten Tag wieder zum Meer gehen zu dürfen, um die Möwen zu besuchen. Es war eine Zeit voller Freude und Unbeschwertheit. Bevor der Krebs kam und ihn nach einem langen Kampf mit sich nahm.

Die Wellen rauschen, Möwen fliegen am Himmel, drehen ihre Kreise und verschwinden Richtung Horizont. Sie blickt mit Tränen in den Augen zum Himmel und flüstert: „Mach’s gut kleiner Bruder. Du hast dein Glück gefangen und fliegst nun mit ihm.“

Schwalben

Drabble

Kamera, Sternzeichen, Eis

Pudding, Kino, singen

Der Kellner bringt das Essen. Roland greift zum Handy, öffnet die Kamera und macht ein Foto: Er postet seine Erlebnisse auf Instagram, weil er sein Leben mit jemandem teilen will. Doch das gesteht er sich nicht ein.

Roland isst alleine und fühlt sich unwohl. Er lenkt sich mit Scrollen ab. Ihm wird sein Horoskop für sein Sternzeichen angezeigt: „Dir wird heute klar, was dir wirklich fehlt.“ Er runzelt die Stirn.

Beim Verlassen des Restaurants blickt Roland in die Glastür und ihm wird klar, wonach er sich sehnt: Nach einem Menschen, der ihm sagt, dass sein Mund vom Eis verschmiert ist.


Sie stellt den Pudding auf den Tisch: Alles ist perfekt, für ihr Zweijähriges, das sie heute gemeinsam feiern.

Ihr Handy klingelt. Er ruft an und sagt ihr Essen wegen einem spontanen Meeting ab. Nach dem Telefonat flüstert ihr Hirngespinst: Er hat eine Affäre mit einer anderen. Sie verabredet sich mit ihrer besten Freundin, um sich abzulenken.

Im Kino kauft sie sich eine Karte, sucht den Vorführraum und geht hinein:

Das Licht geht an und er steht vor ihr. Die Leinwand zeigt Paarbilder von ihnen. Während ihre Freunde ihr Kennlernlied singen, geht er vor ihr auf Knie. Sie weint und nickt.

August

Midlife-Crisis

Simone liegt im Bett und fragt sich, ob das alles gewesen ist: Eine dahinplätschernden Ehe, in der langweilige Fernsehabende auf den Programm stehen und ein öder Job, in dem sie seit Jahren denselben Tätigkeiten nachgeht. Jeder Tag läuft gleich ab, nichts bewegt sich in ihrem Leben. Sie sehnt sich nach Aufregung, nach etwas, das ihre innere Leere, die sie in letzter Zeit immer öfter verspürt, füllt und insgeheim fragt sie sich, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Irgendwann schläft sie über ihre Gedanken ein.

Am nächsten Morgen steht sie auf und macht sich fertig. Ihr Mann Robert ist längst im Büro. Sie greift nach ihrer Bürokleidung, schminkt sich und kippt sich hastig ihren Kaffee herunter. Ihre Uhr piepst. Es ist 07:30 Uhr, ihre Bahn kommt in fünf Minuten. Eilig rennt sie aus dem Haus. „Alles wie immer“, seufzt sie. 

Der Arbeitstag plätschert dahin. Simone tippt lustlos auf ihrer Tastatur und sehnt die Pause herbei: Immer dieselben Abschriften, die auf ihrem Schreibtisch liegen. Hätte sie doch bloß studiert. Modedesign vielleicht. Sie hatte es geliebt zu zeichnen und Kleidungsstücke nach ihren Vorstellungen zu entwerfen. „Machen wir gleich zusammen Mittag?“, fragt ihre Arbeitskollegin Tanja und unterbricht ihren Gedankenkreislauf. „Von mir aus“, antwortet sie. Gegen 12:30 Uhr gehen beide Richtung Katine. Der übliche Duft von Pommes und Hähnen liegt in der Luft. Ihr Magen zieht sich zusammen. Plötzlich ruft Tanja „Tobias“ und winkt einem Mann zu, den Simone noch nie gesehen hat. „Komm“, sagt sie und zieht sie am Arm in Richtung Eingang der Kantine. In Simone kribbelt es; endlich passiert etwas in ihrem Leben. Sie fährt sich durchs Haar, streicht ihr Kleid glatt und lässt Tanja gewähren. Nachdem sie sich vorgestellt hat gehen sie gemeinsam zu Tisch. Plötzlich schmecken ihr die Pommes mit Hähnchen.Was ein kleiner Flirt alles ausmachen kann: Simone unterhält sich angeregt, kokettiert und lächelt. Ihre Leere ist für einen kurzen Moment verschwunden. 

Nach dem Essen verabschieden sie sich und gehen zurück an ihren Arbeitsplatz. Während Tanja bereits wieder tippt blickt Simone aus dem Fenster und träumt vor sich hin: Sie stellt sich ihr Leben an der Seite eines Mannes wie Tobias vor. Sie malt sich aus, wie sie in schicken Bars Cocktails trinken oder im Cabrio über weite Straßen fahren. Ihr Mailgeräusch ertönt und reißt sie auf aus ihren Gedanken. Simone blickt auf ihren Posteingang und liest den Absender. Es ist Tobias. Ihr Herz klopft, nervös klickt sie auf seine Nachricht, um sie zu lesen: 

„Hallo Simone. Ich bin wahrscheinlich zu direkt, aber ich bin jemand der Chancen ergreift, wenn sie sich ihm bieten. Du gefällst mir und ich will dich kennenlernen. Wenn es dir auch so geht, dann lass uns heute Abend um 18:00 Uhr in der Pizzeria St. Antonio treffen. Vielleicht bis später, Tobias.“ 

Simone lächelt, seine Einladung kommt ihr Recht: Sie gibt ihr das Gefühl, dass sie aus ihrem festgefahrenen Leben ausbrechen kann, um ein Abenteuer erleben zu können. Trotzdem hadert sie den Rest ihres Arbeitstages mit sich, ob sie sich mit Tobias treffen soll oder nicht. 

Pünktlich zum Feirabend fährt Simone ihren PC herunter und verabschiedet sich von Tanja. Sie nimmt die erste Bahn und ergattert den letzten freien Sitzplatz. Während der Fahrt beobachtet sie die Fahrgäste. Ihr Blick bleibt bei einer Jugendlichen mit Rucksack hängen. Simone erinnert sich an ihre Schulzeit: Das Lernen fiel ihr schwer. Mit Ach und Krach hat sie ihr Abitur geschafft und sich dann für eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin entschieden. Ein Studium im Bereich Modedesign hätte sie niemals geschafft. Sie kann zwar ganz passabel zeichnen, ist aber zu ungeduldig beim Nähen. Auch hasst sie es, im Mittelpunkt zu stehen oder ihre Leistungen vor anderen zu präsentieren. All dies setzt sie unter Druck. Viel lieber sind ihr feste Strukturen, wiederkehrenden Routinen und Routinen. Alles, was sie in ihrem jetzigen Job hat. Warum ist sie dann so unglücklich in ihren Beruf und denkt die falsche Entscheidung getroffen zu haben? Bevor sie weiter über die Gründe ihrer Unzufriedenheit nachdenken kann, ertönt ihre Haltestelle. Simone verlässt die Straßenbahn, blickt auf ihre Uhr und beschleunigt ihre Schritte. Ihre Entscheidung scheint gefallen zu sein. 

Zuhause angekommen macht sie sich schnell frisch. Kurz bevor sie das Haus wieder verlassen will, fällt ihr Blick auf ihr Hochzeitsfoto, das auf der Anrichte ihres Flures steht. 

Sie hatte Robert nach unzähligen Enttäuschungen kennengelernt. Simone hatte nicht mehr an die Liebe geglaubt und sich damit abgefunden ihr Leben alleine verbringen zu müssen. Robert hatte ihr von Anfang an gezeigt, dasss sie ihm wichtig war. Er war verlässlich, treu und akzeptierte sie so wie sie ist. Mit all ihren Launen und Macken. Sie sind seit 20 Jahren verheiratet. Auf einmal sieht sie seine leuchtenden Augen bei der Geburt ihrer Kinder, denkt an ihre freudvollen Urlaube oder an ihre glücklichen Geburtstagsfeiern im kleinen Schrebergarten. Wieso hatte sie ihren gemeinsamen Jahren und Erinnerungen so wenig Bedeutung gegeben und vergessen, wie glücklich sie in dieser Zeit gewesen ist? Das Piepsen ihrer Uhr holt sie in die Gegenwart zurück. Es ist 17:30 Uhr. Simone muss los, wenn sie pünktlich sein will. 

Sie steht vor dem Restaurant. Tobias sitzt schon am Tisch und wartet auf sie. Simone bemerkt, dass sie unschlüssig ist, ob sie zu ihm gehen soll. Sie fragt sich, ob ihre Leere wirklich verschwindet, nur weil sie eine bedeutungslosen Affäre beginnt. Vielleicht wäre sie für einen kurzen Moment glücklich, doch auf Dauer würde sich nichts in ihrem Leben verändern, weil die Gründe ihrer Unzufriedenheit woanders liegen: Simone steckt in einer Midlife-Crisis. Seitdem ihre Kinder ausgezogen sind, fühlt sie sich leer und einsam. Es ist niemand mehr da, der sie wirklich braucht oder für den sie da sein kann. Ihr wird klar, dass sich nur etwas ändert, wenn sie ihre Gefühle mit dem Menschen teilt, der sie am besten versteht. Simone holt ihr Handy aus der Tasche und ruft Robert an. 

Gegen 19:00 Uhr sitzen beide bei einem Glas Wein in ihrem Schrebergarten. Sie haben miteinander gesprochen und festgestellt, dass sie ähnlich fühlen. Nun schmieden sie Zukunftspläne. Zunächst wollen sie durch Italien reisen. Simone wollte auch schon immer mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springen. Davon weiß Robert noch nichts. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Das Leben gehört ihnen.

Koffer

Morgentau

Schwerelos schwer

Vielerlei