Die vier Kinder der Unendlichkeit und des Universums (Teil 2)

Teil 1:https://herzpoeten.com/2022/11/29/die-vier-kinder-der-unendlichkeit-und-des-universums-teil-1/

Wasser bemerkte, dass sie wie ein Mensch dachte und fühlte. Sie erinnerte sich an Purets Worte: „Gedanken sind der Anfang von allem. Wer unglücklich denkt, wird unglücklich sein“, sagte er einst zu ihr. „Wie meinst du das?“, hatte sie ihn gefragt. „Ein Gedanke ist wie ein Samen; er wächst, weil Menschen ihn immer wieder denken. Irgendwann ist er so groß, dass er ihnen die freie Sicht auf das Leben versperrt.“ „Und was bedeutet das für die Menschen?“ „Sie glauben ihrem Gedanken, weil sie die Welt nur noch durch seine Augen sehen. Schließlich werden sie eins mit ihm und vergessen, wer sie sind.“ „Was bedeutet das?“ „Sie fühlen sich wie ihre Gedanken, ohne zu wissen warum. Puret hatte Recht behalten. Wasser spürte, wie die Angst sie auffraß und sich ihre Erinnerungen an die Unendlichkeit und das Universum verloren. „Komm, wir müssen los. Die Schule wartet nicht auf uns“, rief Erde ihr zu. Zu viert verließen sie das Haus und machten sich auf den Weg.

Nachdem sie sich im Sekretariat gemeldet hatten, wurden sie in ihre Klasse geschickt. Die Lehrerin forderte sie auf, sich vorzustellen: „Nun, ja (…)“, druckste Feuer herum und sah Erde hilfesuchend an. „Das ist Farina, neben ihr steht Lulu, ich bin Erda und das ist Walisa. Wir vier sind Geschwister und freuen uns, euch kennenlernen.“ Das Herz von Wasser bekam einen Sprung. Ihr göttlicher Namen war durch einen weltlichen ersetzt worden. Sie fühlte sich verloren und einsam, ohne ihren göttlichen Funken, der sie an ihr Zuhause erinnerte. „Na dann Willkommen, ich weise euch eure Plätze zu“, sprach ihre Lehrerin.

Während all ihre Schwestern Sitzpartner erhielten bekam Wasser einen Einzelplatz. Niemand sprach mit ihr oder würdigte sie eines Blickes. Im Gegensatz dazu unterhielten sich ihre Geschwister angeregt mit ihren Sitzpartnern. Dann klingelte es zur Pause. Wasser war erleichtert. Sie wollte mit Erde über ihre Gefühle sprechen, um sie an ihren göttlichen Funken zu erinnern. Vielleicht konnte sie sich mit ihrer Geschwistern auf diese Weise wieder vereinen und nach Hause finden. Sie stand auf und bemerkte, dass sie alleine war. Ihre Schwestern waren ohne sie in die Pause gegangen. Ein großer Eiskristall zerschmolz auf ihrer Wange, sie zitterte vor Kälte. Weinend verließ sie das Klassenzimmer und ging auf die Toilette. Den Rest des Tages zog Wasser sich zurück. Nach dem Unterricht schlossen sich ihre Schwestern ihren Mitschülern an, während sie alleine nach Hause ging.

Beim Abendessen lauschte sie den oberflächlichen Gesprächen von Feuer und Luft über Jungs und Tanzveranstaltungen. Erde las in einem Mathematikbuch. Wasser stocherte in ihrem Essen rum und blieb still. Sie spürte eine Fremde zwischen sich und ihren Schwestern, die immer lauter wurde. Auch nach dem Abendessen blieb für sich, wälzte sich in ihren Kissen und fand keinen Schlaf. Ihr war eiskalt und sie dachte mit Schaudern an den nächsten Schultag.

Die Tage bis zum Schuljahr vergingen schnell. Die Schwestern entwickelten sich auseinander und sprachen kaum noch miteinander. Anstatt ihren Auftrag ihrer Eltern zu erfüllen, wurden sie zum Menschen: Sie verloren sich in ihren Gedanken und Gefühlen, die nicht der Liebe folgten, sondern dem Ego. Feuer war einzig und allein damit beschäftigt, Jungs um den Finger zu entwickeln. Stundenlang stand sie in ihrem Zimmer, schminkte sich oder probierte Kleider an. Sie fühlte sich allen überlegen und spottete über sie. Luft folgte Feuer, mit weniger Erfolg. Daher bemühte sie sich um andere und versuchte ihnen zu gefallen. Sie gab ihre Persönlichkeit auf und wurde unsichtbar. Im Gegensatz dazu hatte sich Erde dem Lernen verschrieben. Ihr Ziel war es Klassenbeste zu werden. Koste es, was es wolle. Dafür übernahm sie Extraaufgaben und nahm an kleinen Wettbewerben teil. Ständig verbesserte sie ihre Schwestern oder hielt ihnen vor, ihre Zeit nicht sinnvoll zu nutzen. Wasser bestand nur noch aus Angst und Wut. Alles was sie wahrnahm, verstand sie als Angriff gegen sich. Sie verhärtete immer mehr und blieb für sich. Ihr war ständig kalt und sie zitterte oft. An die Worte von Puret erinnerte sie sich nicht mehr. Auch nicht an die Unendlichkeit und das Universum. Sie hatte, wie ihre Geschwister, ihren ursprünglichen Namen vergessen. Jeder lebte für sich, mit dem Ziel, geliebt zu werden. Nicht um ihrer selbst willen, sondern für das, was sie taten.

Eines Tages kam es wegen des Abschlussballes zum großen Streit zwischen ihnen. „Du wusstest genau, dass ich mit Robert zum Ball gehen wollte“, giftete Luft. „Hast du dich mal im Spiegel angesehen? Ist doch klar, dass er mich gefragt hat“, erwiderte Feuer lachend. „Ach, jetzt hört doch auf. Ich kann es nicht mehr hören. Dieser blöde Ball. Ihr solltet lieber etwas Sinnvolles tun“, mischte sich Erde ein. Wasser spürte, wie ihr Zittern immer stärker wurde. Sie konnte die Kälte in sich nicht mehr aushalten und schrie: „Immer geht es nur um euch. Keiner von euch kümmert sich um mich. Ihr schließt mich ständig aus. Ihr seid entsetzlich, ich hasse euch und wünschte, ihr wärt nicht meine Schwestern.“ Plötzlich stritten alle laut miteinander: Sie schrien sich gegenseitig an, warfen sich lauthals Dinge vor und ließen kein gutes Haar am anderen. Wasser spürte wie die Kälte sie auffraß. Sie blickte auf ihre Hand, die zu Eis geworden war und erschrak. Dann bemerkte sie, dass Feuer in Flammen stand, während Luft kaum noch zu sehen war und Erde in sich zusammen fiel. Bevor es dunkel wurde spürte sie, dass ihr Herz zu Eis wurde.

Als Wasser die Augen öffnete, erblickte sie die Unendlichkeit und das Universum sowie ihre Geschwister. Sie erinnerte sich wieder an ihre Herkunft und ergriff das Wort: „Liebe Eltern, ich freue mich euch zu sehen. Ihr seid sicherlich enttäuscht von uns. Wir haben euren Auftrag nicht erfüllt, sondern sind dem Ego gefolgt und sind zum Menschen geworden. Bitte verzeiht uns.“ „Es gibt nichts zu verzeihen. Wir haben euch zur Erde geschickt, damit ihr das Leben kennenlernt und versteht, was es heißt, ein Mensch zu sein, der die reine Liebe sucht.“ „Sich in Gedanken und Gefühle zu verlieren, ohne es zu bemerken“, ergänzte Erde. Feuer senkte den Kopf: „Es tut mir leid, ich habe mich wirklich nicht gut benommen.“ „Das haben wir alle nicht“, sagte Luft. Wasser wurde neugierig: „Warum ist es euch wichtig, dass wir verstehen, was es heißt ein Mensch zu sein?“ Ihr habt so oft über die Menschen gelacht und ward der Ansicht, dass ihr es besser machen würdet als sie. Nun habt ihr gelernt, was es bedeutet zu leben und wie schwierig es ist, der reinen Liebe im Herzen zu folgen. Ohne den Gedanken und den Gefühlen des Egos zu verfallen. Wisst ihr, wir alle sind die Eltern der Menschen. Wenn ihr irdisches Leben endet, werden sie ein Teil der Unendlichkeit und des Universums. Wir geben ihnen ein Zuhause, bis sie wiedergeboren werden; in ein neues Leben, das erneut versucht, der reinen Liebe zu folgen. Wenn wir ihnen Wärme und Verständnis entgegenbringen wird ihnen das irgendwann gelingen.“ Die Geschwister nickten, umarmten sich und ihre Eltern. Sie würden sich daran erinnern, was es heißt ein Mensch zu sein und niemals wieder ihren Namen vergessen.

Juniverse

Die letzten Juniverse

Zyklop, Levianthan, Medusa, Golem, Irrlicht, Walküre, Feuergeist, Ungeheuer, fließen, Einhorn, Feuergeist

Juniverse

Faun, Waldschrat, Zentaur, Wölfe

Juniverse

Hydra, Sirene, Glühschwanz

Drabble: Ein früher Morgen

Tau, Smaragd, Melodie

Sie legt ihr Handy weg und öffnet die Terrassentür: Es ist früher Morgen: Tau glitzert im Gras, alles ist friedlich und still. Barfuß betritt sie den Holzboden, schließt die Augen und atmet die Luft des neuen Tages. Als sie die ersten Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürt, blickt sie auf den Eichenbaum, den ihre Mutter für sie gepflanzt hat; seine Blätter leuchten im Licht wie kleine Smaragde und flüstern Ewigkeit.

Plötzlich ergreift eine Melodie ihr Herz. Leise summt sie „Somewhere over the rainbow“, blickt in den Himmel und verabschiedet sich von ihrer Mutter. Sie weiß, dass sie sich eines Tages wiedersehen.

Juniverse

Pegasus, Gargoyles, Domnervogel

Zeilenliebe

Eigenwerbung

Ab 30.06.26 kann man meine kleinen Worte im Buch Zeilenliebe lesen. Es enthält Haikus zu unterschiedlichen Themen. Herausgeber ist der Novum Verlag , bei dem es bestellen kann. Es ist ebenso über Amazon erhältlich.

Das Entlein

Es war einmal ein Entlein, das unglücklich war: Immer wenn es sich im See spiegelte, sah es sein graues struppiges Gefieder. Dann war es ganz traurig, weinte und fragte sich, warum es nicht braun gefärbt war oder Muster in seinen Federn hatte. Der sehnlichste Wunsch des Entleins, eines Morgens in einem neuem Federkleid aufzuwachen, erfüllte sich nicht. Voller Bewunderung betrachtete es die weißen Schwäne, die mit ihren Federn und ihren langen Hälsen im Sonnnelicht strahlten: „Ich werde niemals so schön aussehen“, flüsterte es bedrückt. Das Entlein grämte sich jeden Tag mehr, sonderte sich ab und schwamm stundenlang im Kreis. Dabei blickte es in den See und verfluchte seine Federn, bis es schlafen ging. 

Nachdem das Entlein erneut den halben Tag im Kreis geschwimmen war, beschloss es, seine gewohnte Schwimmfläche zu verlassen. Es war müde von all seinen Gedanken an sein Spiegelbild und sehnte sich nach einem Ort an dem es glücklich sein konnte: „Überall ist es besser, als hier“, sagte es überzeugt. Dann schwamm das Entlein los. Immer Richtung Süden. Es hatte mal gehört, dass es dort am schönsten war. 

Die Sonne schien und die Wellen schlugen ruhig. Das Entlein ließ sich treiben und erfreute sich an seiner neuen Umgebung: Es sah Wasserkäfer mit Flügeln und riesengroße Fische in dunkelgrau. Nachdem es eine Weile geschwommen war, stellte das Entlein fest, dass es nicht an sein graues struppiges Gefieder gedacht hatte. Es fühlte sich freudig leicht und lächelte. „Wäre es doch nur immer so“, frohlockte das Entlein und tauchte vor lauter Wonne bis zum Grunde des Sees. Nachdem es eine Weile im Wasser gespielt hatte, verspürte es Hunger und begab sich auf Nahrungssuche. Es fand einen Algenteppich und ließ sich nieder. Als das Entlein mit dem Essen beginnen wollte, erblickte es im Augenwinkel eine seltsame Blume. Magisch von ihr angezogen, schwamm es auf sie zu, um sie sich aus der Nähe anzusehen. Ihre Blätter waren riesig und ihre Blüten lila rot gesprenkelt. Sie duftete herrlich. Das Entlein steckte seinen Schnabel tief in die Blüten und sog ihren süßlichen Duft ein. Plötzlich spürte es ein starkes Pieksen und zog sich erschrocken zurück. Danach betrachtete es die Blütenblätter genauer und stellte fest, dass sie mit kleinen Dornen übersät waren. Das Entlein kam ins Grübeln: „Selbst etwas so Schönes hat Schwachstellen, was seiner Schönheit aber keinen Abbruch tut. Es ist immer noch schön. Würde das im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass es auch in allem Unscheinbaren etwas Schönes gibt? Und wenn dem so ist, dann müsste es doch auch etwas Schönes an sich finden. Oder nicht?“ 

Nachdenklich schwamm es zu den Algen zurück und aß sich satt. Währendessen ließ das Entlein seine Erlebnisse Revue passieren. Es hatte gelernt, dass es sich von seinen Gedanken an sein Gefieder ablenken konnte, wenn es sich auf den Moment konzentriert. Auch hatte es begriffen, dass in allem etwas Schönes steckt, wenn man es genauer betrachtet. Könnte es seine Erfahrungen nur dazu nutzen, sein inneres Glück zu finden. Doch noch wusste es nicht wie. Das Entlein war zu müde, um weiter darüber nachzudenken. Es drehte sich ein, schlief und träumte: Es sah weißes Gefieder, das im Sonnenlicht strahlte. Dann blickte das Entlein in den Himmel und hörte eine Stimme flüstern: Du warst schon immer schön. Mach die Augen auf und erkenne wer du bist. Unter all dem, was deine Angst und deine Zweifel verdecken.“ 

Als es aus seinem Traum erwachte, war es bereits später Abend. Das Entlein hatte lange geschlafen und brauchte einige Zeit, bis es wach wurde. Dann erinnerte es sich an seinem Traum und blickte zum Himmel. Als ob es dort eine Antwort finden würde. Die Sterne leuchteten, einige blitzten hell auf. Hatte das etwas zu bedeuten? Neurigierig geworden schwamm das Entlein los und folgte den Sternen, die immer wieder auf blitzten. Schließlich kam es zu einer freien hellen Stelle, die von den Sternen beleuchtet wurde. Das Entlein spürte, dass es an der Zeit war, sich anzusehen, ohne sich im Kreis zu drehen. Es trat sich durch die dunkleren Stellen hindurch, bis es die helle Stelle erreichte. Es blickte erneut zum Himmel und suchte die blitzenden Sterne, doch sie waren verschwunden. Woher kam dann das Licht? Was passierte hier? Im Entlein kribbelte es vor Angst und Aufregung, doch es folgte seiner Eingebung: Es gab sich dem Moment hin, holte tief Luft und sah sich an. Währenddessen dachte es an all das Schöne an sich.

Es war großzügig und hilfsbereit. Es teilte seine Nahrung und half anderen in der Not. Auch konnte es rückwärts schwimmen, sich auf zwei Füßen im Kreis drehen und in verschiedenen Tonlagen schnattern. Wenn das Entlein es sich recht überlegte, hatten es viele Talente und war einzigartig, auch wenn es anders aussah. Es hatte sich nur genauer ansehen müssen, um zu verstehen, dass es trotz allem liebenswert war. Nachdem es sein Spiegelbild mit seinem Schnabel liebevoll angestupst hatte, wurde die helle Stelle immer größer. Der Himmel leuchtete noch heller als vorher. Um das Entlein herum drehten sich Lichtkreise, die immer schneller wurden, bis sie versiegten. Aufgeregt flatterte es mit den Flügeln und sah sich um. Außer dem klaren Nachthimmel und den stillen See sah es nichts. Doch es spürte, dass etwas mit ihm geschehen war. Erneut spiegtelte es sich im Wasser. Überrascht stellte es fest, dass es anders aussah. Anstatt des grauen struppigen Gefieders hatte das Entlein weiße Federn und einen langen Hals: Es war zum Schwan geworden. Plötzlich verschwamm das Spiegelbild und alles wurde dunkel. 

Als das Entlein erwachte stellte es fest, dass es nur geträumt hätte. Dennoch war es nicht enttäuscht. Es spürte, dass sich sein Inneres verändert hatte: Ob es graues struppiges Gefieder hatte war ihm egal. Es hatte den Schwan in sich gefunden, weil es sich liebte, so wie es war. Zufrieden schwamm das Entlein nach Hause zurück.

Juniverse

Zwerg, Riese, Goliath, Kobold, Basilisk

Atem