„Sich am Rhein finden“ Etüden-Sommerpausen-Intermezzo

Informationen zur Idee, findet ihr hier: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/07/11/7-aus-12-etuedensommerpausenintermezzo-ii-2021/

Danke an alle Organisatoren und Mitschreiber; gegendert versteht sich. Los geht’s.

Dort stand sie – am Ufer des Rheins und blickte in die Ferne; beobachtete den Gang der Wellen und die Schiffe, die an ihr vorbeifuhren. In ihr stieg Wehmut auf; gedanklich reiste sie mit den Schiffen mit – weit hinaus, weg von hier.

Sie verfing sich, in diesen Moment; die Wellen gaben ein Konzert für sie. Sanft schlugen sie gegen die Steine des Ufers, dann zogen sie wieder hinaus und gingen in der Weite des Flusses auf. Mit jedem Wellenklang schweiften ihre Gedanken und ihr Herz ein Stück weiter ab; sie verlor sich vollkommen in den Wellen, tauchte in ihr Inneres ein und fühlte, wie sich die noch eben empfundene Wehmut bzw. das Fernweh in ein Gefühl von Bitterkeit verwandelte.

Sie befand sich nicht nur in einem Sommerloch, vielmehr stand sie an einem Scheideweg; sie stellte sich die Frage, wie sie es endlich schaffen konnte, zu sich selbst zu finden bzw., wie sie ihre Selbstzweifel, die sie manchmal auffraßen, hinter sich lassen konnte, um das Ist ohne ein Gefühl von Wehmut bzw. Fernweh genießen zu können.

Es war noch mehr als das; ihr wurde klar, dass ihre Selbstzweifel zu Riesen im eigenen Land geworden waren. Riesen, die ihr starkes, sicheres Ich jedes Mal zertrampelten, wenn sie sich nicht gesehen oder in ihrer Persönlichkeit kritisiert fühlte. Zurück blieb ein Trampelpfad, mit einem verschwommenen, kleinen Ich, das sich traurig und ängstlich in einem selbst schwarz angemalten Kokoon verbarg.

Der Regen, der in diesem Moment aufkam, holte sie für einen Moment in das Ist zurück; mehr noch, er wusch ihren grauen Vorhang aus Schmerz und Angst weg. Zum ersten Mal konnte sie erkennen, dass es nicht das Leben war, das für sie zu einem Eigentor geworden war; sie selbst war es, die sich in der Vergangenheit meterhohe Steine in den Weg gelegt hatte, so dass sie mit ihren Wünschen und Träumen verloren gegangen waren.

Ihre Riesen, die eine stetige Selbstliebe fast unmöglich machten, ihr Ich zu einem Zwerg schrumpfen ließen, führten dazu, dass sie nicht daran glaubte, dass sie Glück verdient hatte; dass sie es wert war, geliebt zu werden. Und sie hatte im Laufe ihres Lebens gelernt, alles dafür zu tun, ihre Riesen zu füttern; durch die Suche nach Hinweisen, die ihre Annahmen über sich selbst bestätigten.

Sie hatte Liebesbeziehungen sabotiert oder Gefühle für Menschen, die sie gern hatte, in Kisten verpackt; laut ihren Riesen waren diese sowieso zum scheitern verurteilt. „Wer sollte dich schon lieben können“, flüsterten sie ihr immer wieder zu; irgendwann glaubte sie ihnen, ohne, dass sie ihr etwas zuflüstern mussten.

Sie hatte ebenfalls andere Menschen auf einen Sockel gestellt und sie glorifiziert; während sie sich selbst permanent entwertet hatte oder eigene Leistungen nicht anerkannt bzw. klein geredet hatte. Alles musste in ihr „Ich-Bild“ passen und in diesem gab es keine (Selbst)Liebe für sie; sie, die laut den Riesen keine Liebe verdient hatte.

Ein lautes Signal eines vorbeifahrenden Schiffes, das wie ein Warnsignal klang, ertönte und holte sie in die Wirklichkeit zurück; in den Moment, in den sich eben noch verloren hatte.

Die Sonne ging bereits unter; das Wetterleuchten aus dunklem Violett und warmen Rosa färbten die Wellen des Rheins purpurn ein. Farben, die in ihr Optimismus und Sicherheit weckten; die ihr ein Gefühl von einer Zukunft ohne Riesen vermittelten.

Sie wusste nun, wer sie sein wollte bzw. wie sich sich fühlen wollte; leicht, wie die Wasserläufer, die fast schwerelos die Wellen überquerten, ohne sich im Wellengang zu überschlagen bzw. in ihnen unterzugehen. Sie wollte die Riesen aus ihrem Land vertreiben und selbst zum Riesen werden; ein sanfter, zarter Riese mit Narben und schwarzen Flecken, der trotz seiner Fehler liebenswert ist. Ein Riese, der sich mit anderen nicht vergleichen muss, weil er einzigartig ist; so wie alle anderen Riesen auch.

Sie fröstelte, die Sonne war bereits untergegangen und es verdunkelte sich; doch für sie fühlte es sich an, als ob sie zum allerersten Mal klar sehen konnte – sie wusste nun, wer sie wirklich war und was sie sich vom Leben wünschte. Sie wollte Liebe schenken, aber auch erhalten; sie war nun endlich bereit dazu.

Die Wellen wurden still, in ihr breitete sich ein Gefühl von Zufriedenheit bzw. Ruhe aus; zum allerersten Mal nach langer Zeit. Sie blickte um sich und sah in den nahen Bäumen Licht aufleuchten. Sie ließ den Rhein, ihren Ort der Selbstfindung, hinter sich und näherte sich diesem Licht; als sie vor den Bäumen stand, erblickte sie Hunderte von Glühwürmchen, die für sie leuchteten.

In diesem Moment wusste sie, dass das Universum ihr zugehört hatte; ihr Weg war nun erleuchtet und würde sie zu dem führen, was sie glücklich macht; sich anzunehmen und zu lieben wie sie ist.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

16 Kommentare zu „„Sich am Rhein finden“ Etüden-Sommerpausen-Intermezzo

  1. Ganz wunderbar, Lene, in jeder Beziehung! Es ist eine firtkaufende Geschichte, einheitlich im Ausdruck und in der „Botschaft“, ist ehrlich und echt, aks ein persönlicher Ausdruck. Verwendet alle (oder fast alle) gegebenen Worte sinnvoll und am rechten Pkatz, ohne dadurch den Sprachfluß zu unterbrechen oder ins Stocken zu bringen,….So könnte ich noch einiges dazu sagen. Doch zuerst einmal: Ich möchte diesen Beitrag – am besten gleich – bei mir, – auf meinem Blog zeigen.❤💕✋

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    1. Ganz lieben Dank Gisela, dass du dich immer mit meinen Texten auseinandersetzt. Das finde ich toll. Lieben Dank! Natürlich auch für deine Worte dazu. ❤️ Du kannst ihn gerne teilen, wenn du magst. Ich danke dir. Liebe Grüße an dich und Segen für dich. ❣️🌷😊❤️

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  2. So, Lene, es ist geschehen und nun bei mir zu sehen. Ich habe es selbst eben ausprobiert. Es scheint zu klapoen. Also vielen Dank für die Erlaubnis. Nun wollen wir uns überraschen lassen, wie es damit weitergeht.🙏❤💕✋

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  3. Was für ein zauberhafter und berührender Text, er gefällt mir sehr. 😀
    Natürlich ist das viel einfacher gesagt/geschrieben als umgesetzt, aber alle großen Wege beginnen mit dem ersten, zweiten, dritten Schritt, und in so einer Situation ist alles besser als aufzugeben, auch wenn sich der Erfolg vielleicht nicht sofort einstellt.
    Und auch ja: Es gibt sie, diese magischen Bestätigungen von außen, dass einem etwas zu-fällt und Zeichen gibt …
    Herzlichen Dank, dass du mitgeschrieben hast! ❤
    Einen wunderbaren Abend wünsche ich dir! 😁🌥️🦋🌳🌼🍷👍

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    1. Ganz lieben Dank für deine Worte. Ja, da sagst du was. Da verbringt man das halbe Leben auf diese Weise und dann wird es einem klar; und man weiß nicht, ob man noch mal die Chance hat, es anders zu machen, „besser“ zu entscheiden… Ich hoffe, dass ein wenig Magie hilft… Danke, dir auch! ❤️😊🌷

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