Chaostage

Eine meiner, wie ich finde, charmantesten Eigenschaften, ist meine Tollpatschigkeit, die immer dann auftritt, wenn in meinem Inneren Chaos herrscht. Ich habe mittlerweile begriffen, dass ich in diesen Zeiten mein inneres Chaos nach Außen trage. Ich habe die Theorie, dass ich dadurch meinen inneren Zustand auszugleichen versuche; sicher bin ich mir nicht. Feststeht, dass ich mit dieser Eigenschaft nicht nur mich, sondern auch manchmal andere mit ins Chaos stürze; da wären wir dann doch wieder beim Ausgleich.

In den Zwanzigern war mein inneres Chaos, verbunden mit seinen Auswirkungen auf mein näheres Umfeld, mein prägendstes Markenzeichen.

An meinem ersten Arbeitsplatz war ich dafür bekannt, überall „meine“ Wasserflaschen zu verteilen. Meine Arbeitskollegen mussten demnach keine Ausbildung im Fährtenlesen absolviert haben, um mich finden zu können. Eine angebrochene Wasserflasche in einem Raum bedeutete, dass ich zeitnah in diesem gewesen sein musste; folgte man dieser „Spur“, gelangte man zu dem Raum ohne Wasserflasche und somit zu mir. Dort war ich dann; wahrscheinlich durstig, auf der Suche nach meiner „nächsten“ Flasche.

Mit zunehmendem Alter nahm mein inneres Chaos ab; Chaoswochen wandelten sich zu Chaostagen. Von einigen meiner Chaostage berichte ich; es wird sozusagen mein persönliches „best of“.

Nach einer Fortbildung habe ich stundenlang mein Auto gesucht. Ich lief alle möglichen Wege immer wieder ab; irgendwann sahen alle Straßen gleich aus. Auf meiner Odyssee bin ich abermals an ein und derselben Baustelle vorbeigekommen; die Verzweiflung in meinem Gesicht muss von mal zu mal zugenommen haben. Wahrscheinlich wussten die dort arbeitenden Menschen irgendwann nicht mehr, ob sie über mich lachen oder mit mir weinen sollten; dies wusste ich ab einem gewissen Zeitpunkt selbst nicht mehr. Als ich mich gedanklich schon von meinem Auto verabschiedet hatte, folgte ich meiner inneren Eingebung; plötzlich stand ich vor meinem Auto. Die Freude war groß; so, als hätte ich zum allerersten Mal in meinem Leben ein Auto gesehen. Wir hatten uns wieder, mein Auto und ich.

In meiner Tätigkeit als Familienhelferin musste ich mit „meinen“ Familien Termine für Hausbesuche etc. vereinbaren. Diese habe ich immer in einem „old school Buchkalender“ eingetragen. Irgendwann las ich in meinem Kalender eine Uhrzeit, jedoch keinen Namen. Es blieb mir daher nichts anderes übrig, als bei all meinen Familien telefonisch nachzufragen, ob wir an diesem Tag, zu dieser Uhrzeit, einen Termin vereinbart hatten. Die Familie habe ich gefunden, zu Ihrem Leidwesen; trotz dieses „Erfolgs“ rief diese Situation verständlicherweise keine positiven Gefühle in mir hervor. In Erinnerung ist mir auch geblieben, dass ich einmal meine eigene Geburtstagskarte, die ich von Arbeitskollegen geschenkt bekommen hatte, an eine meiner Familien als Weihnachtspost verschickt habe. Ehrlich gesagt, habe ich dieses Missgeschick nur durch Zufall aufgedeckt; die „Weihnachtskarte“ fiel aus meinen Kalender heraus. Die Familie hat es mit Humor genommen; man kannte mich halt.

Doch auch auf meiner jetzigen Arbeitsstelle habe ich schon Chaos verbreiten dürfen. An einem schönen Tag habe meinen Autoschlüssel gesucht. Er fand sich einfach nicht; weder in einer Seitentasche meiner Tasche noch in einer Schublade meines Schreibtisches. Ich habe alle Anwesenden verrückt gemacht, weshalb mein damaliger Chef den Parkplatz einer bekannten Supermarktkette nach meinem Schlüssel abgesucht hat; der Schlüssel fand sich schließlich in einer Seitentaschen meiner Tasche. Sicherlich hat ihn dort einer meiner Arbeitskollegen heimlich versteckt; anders kann ich mir das ganze nicht erklären.

Ich bin übrigens auch schon ohne Laptop auf die Arbeit gefahren; ich auf der Arbeit, der Laptop zu Hause. Wäre es umgekehrt gewesen, hätte ich mehr davon gehabt; es war zumindest ein ruhiger Arbeitstag.

Mein „letztes“, aktuelles Chaos, brach vorletzte Woche aus. Mein Morgen begann damit, dass ich mal wieder mein Auto gesucht habe. Als ich es endlich gefunden hatte, stand ich ohne Eiskratzer und Schneebesen vor einem eingefrorenen Schneeberg; diesen habe ich mit einer CD-Hülle, die mir beim Kratzen in Einzelteile zersprang, bezwungen. Ich kam an diesem Morgen reichlich spät zur Arbeit. Gestresst war ich nicht. Situationen dieser Art sind mir bekannt; sie beeinflussen meinen Pulsschlag nur noch kurzfristig.

Ich habe mich an mein inneres Chaos, das nach Außen will, gewöhnt. Mein Umfeld ebenfalls. Es gibt immer etwas zu lachen; dabei lache ich meistens erst hinterher, meine Mitmenschen schon währenddessen. Solange mein „Chaos“ keine schädlichen Auswirkungen hat, darf es bleiben. Mittlerweile habe ich es sogar lieb gewonnen; ich bin nicht „das Chaos“ in Person, es gehört einfach an manchen Tagen zu mir – immer dann, wenn Herz und Verstand keine Übereinkunft in mir finden.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

23 Kommentare zu „Chaostage

  1. Herrlich!

    Ich bin übrigens der Einzige, der sich mit Navi verläuft. Vor ein paar Jahren in Saarbrücken. Dienstreise. Ankunft. Ich war das erste Mal dort. Bin mit dem Zug angereist. Am Bahnhof habe ich Google mein Ziel erklärt und die Fußgänger-Route gestartet. Nach 45 Minuten kamen mir Zweifel, weil mein Ziel auf der Karte in immer weiterer Ferne rückte. Nach einer Stunde bin ich wieder zum Bahnhof zurückgekehrt und habe einen Bus genommen. Zur Mittagspause kam ich dann in die Besprechung.

    Aber schon als Fahranfänger, auf dem Weg vom Rheintal nach Barcelona, nachts in Lyon, bin ich eine Stunde in Lyon im Kreis gefahren. Immer, wenn ich dachte, jetzt habe ich den Weg zur Route National, landete ich im selben Kreisel.

    Oder als Auszubildender. Briefe wurden noch mit der Schreibmaschine geschrieben. Meine erste Woche mit Publikumsverkehr. Ich musste einen Brief schreiben und ging zu der im hinteren Teil der Kundenhalle stehenden Schreibmaschine. Mist. Es war ein Brief eingespannt. Schrieb wohl ein* Kolleg* und ist unterbrochen worden. Alle 15 Minuten ging ich zur Maschine. Nichts verändert. Bis ich mir den in der Maschine steckenden Brief anschaute. Er kam mir merkwürdig bekannt vor. Es war meiner, von morgens. Ich hatte irgendwann morgens angefangen einen Brief zu schreiben, wurde unterbrochen und vergaß ihn. Ich frage mich bis heute, wie die anderen Kolleg*en sich beholfen haben.

    Mir fiele noch mehr ein. Eine Geschichte aus Berlin wäre auch noch schön. Oder das Hotel, das ich nachts zweimal betreten musste, um mein Zimmer wiederzufinden …

    That’s life. Liebe Grüße, Bernd (-:

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  2. DANKE🙏… du herzensgute Seele… 🌞

    das mit dem Auto suchen, na das kommt mir ja schon irgendwie bekannt vor…
    war das jedoch nachts in meinen Träumen… 😉

    Wir sind eben doch ALLE EIN GANZES… 😉😍

    Liebste Grüße für dich, mit einem ganz sanften
    und dich soooo verstehenden Lächeln im Gesicht…

    Elke

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  3. Jaja, die hübschen Lacher des Alltags aus eigener Schusseligkeit, da bist Du nicht alleine mit. Ich habe kürzlich ne knappe halbe Stunde nach meinem Autoschlüssel gesucht, nur um dann ganz überrascht feststellen zu dürfen, daß ich ihn längst bei mir hatte. Die Krux war bloß, daß ich ihn in einem Anflug geistiger Umnachtung in die falsche Hosentasche ge- und dann noch dazu mit dem Geldbeutel darüber quasi versteckt hatte. Ohne es recht eigentlich zu bemerken. Ob dieses Mißgeschickes wär ich jedenfalls beinah nicht mehr rechtzeitig vondannen gekommen.
    Wünsch Dir jedenfalls was in den zurückgelehnten Abend, der El

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  4. The remedy for me (so dass ich einigermaßen durch diese Welt funktionieren kann) has been to let my heart embrace my mind.
    Wir sind Alle Ein Ganzes, ja, aligned with the Divine.
    “The return of alignment makes you feel your neurons heal.”

    You are the loveliest, Lene! 😍🙏


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  5. Wie heiter das hier alles verstoffwechselt wird, da schwingt man so gern mit, lacht, nickt und lernt stets überraschend dazu. Sieht manches klarer, im eigenen Lebenskreis. Wer weiß, wozu es gut ist, dieses alles im Umfeld weckende, winzige Chaos, mit abnehmender Tendenz?
    So liebenswert hast du es beschrieben, geliebte Lene, Dankeschön 🌻 , auch für die Kommentare, welche dein Mitteilen angezogen hat.
    Sanftumarmende Grüße * Luxus

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    1. Liebste Luxus. Lieben Dank für deine schönen, wundervollen Worte. Ja, das stimmt; mein Chaos gehört manchmal einfach zu mir und erheitert auch oft. Alleine dafür ist es schon gut. 😊 Liebste Grüße und Seelen Umarmung 💞

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  6. Wunderbar! 🙏 Auch schon mein Auto gesucht, bzw. ist meine Orientierungsverwirrung in einer mir unbekannten Gegend, egal ob zu Fuß oder mit Auto schon sehr groß – oder in einem Game – also beim Zocken – könnte nie ein Game Play veröffentlichen, da sämtliche Zuseher sich dauernd an die Stirn klatschen und rufen würden – was machst du denn? Da warst du ja schon. Von dort bist du gekommen. Wieso gehst du nicht in die andere Richtung? – Öhm, tja… aaaaber! auch wenn ich vllt manchmal dann etwas länger brauche – hab überall noch hingefunden, wo ich hin wollte oder hinmusste. Ob in Wien, Peking, Tokyo oder Kikeritzpotschn… 😛 😀 Toller Beitrag- Glg Myriala

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  7. Das mit dem Schlüssel kenne ich.
    Es gibt kleine Schlüsselanhänger, die einen Höllenlärm machen, wenn sie über das Handy aktiviert werden (und auch umgekehrt, via Bluetooth). Hilft ungemein beim suchen…
    😉💚🤗

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Kommentare sind geschlossen.

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