Briefe an dich

Lieber Tom, 

es ist Sommer. Ich blicke vom Fenster aus auf unsere Rosen, die in voller Blüte stehen. 

Wir haben sie gemeinsam gepflanzt, als wir in unser Haus gezogen sind. „Sie werden wachsen und blühen, jedes Jahr ein bisschen mehr“, hast du damals zu mir gesagt, mich in deine Arme gezogen und innig geküsst. 

Bei dem Gedanken an diesen kleinen Moment Glück lächle ich und schließe meine Augen; ich sehe dein Gesicht vor mir und fühle deinem Atem an meinem Hals. Plötzlich strömt ein Windstoß durch das geöffnete Fenster und legt sich flüsternd über den Raum. Ich höre deine Stimme, öffne die Augen, blicke mich suchend um und stelle fest, dass ich allein bin. Mein Tagtraum bekommt Risse, mir wird kalt und ich bemerke, dass ich müde bin. Also beschieße ich, ins Bett zu gehen und zu schlafen, um dir wieder näher zu sein. Nur für einen kleinen Moment, möchte ich in meine Erinnerungen abtauchen, die ich weder loslassen kann noch vergessen will; wie es in meinem Bauch gekribbelt hat, als du mir tief in die Augen gesehen hast und, dass unser erster Kuss nach Erdbeeren geschmeckt hat. Mit einem tiefen Seufzen schwelge ich in meinen Gedanken und träume ich mich zu dir hin. 

Als ich aufwache ist es dunkel und mucksmäusschenstill. Nicht einmal mein Herz schlägt. Nicht ohne dich. Ein Gefühl von Schwere legt sich über mich, nimmt mir den Atem; ich begreife, was geschehen ist und beginne zu fühlen. All der Schmerz schreit aus mir. Ich beginne zu weinen. Laut und hemmungslos. Um dich, um uns und um all das, was wir noch gemeinsam erleben wollten. 


Lieber Tom, 

heute ist dein Geburtstag. Ich habe deinen Lieblingskuchen gebacken, eine Kerze angezündet und sitze am Tisch, den ich für uns gedeckt habe. Im Hintergrund läuft Musik aus dem Radio. Du hast immer gerne getanzt und gesungen. Vor allem beim Kochen. Einmal habe ich dich dabei in der Küche überrascht. Du hast mit dem Kochlöffel in der Hand inbrünstig mitgesungen und wild getanzt. „Was machst du da?“, habe ich dich amüsiert gefragt. „Spaß haben, komm mach mit“, hast du geantwortet und mir deine Hand gereicht. „Ich kann nicht tanzen, das weißt du doch.“ „Klar, kannst du das.“ Schließlich nahm ich deine Hand und tanzte lachend mit dir durch die Küche. So war das Leben mit dir: Freudig, verrückt und und unbeschwert. Du warst immer für eine Überraschung gut.

Ich probiere von dem Kuchen und trinke von meiner Tasse Kaffee, um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, was ich verloren habe. Doch ich bekomme nichts herunter. Aller schmeckt pappig und fad. Es hat keinen Zweck, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Also stehe ich auf, decke den Tisch ab, kippe meinen Kaffee ins Spülbecken und schmeiße den Kuchen in den Mülleimer. Schlagartig wird mir klar, dass ich mir etwas vormache: Es wird nie wieder so sein wie vorher. Wir werden nie wieder zusammen in der Küche tanzen und auch keinen Geburtstag mehr gemeinsam feiern. Alles liegt in weiter Ferne, ist nicht mehr zu greifen, obwohl es doch so lebendig in meinen Erinnerungen wirkt. Auf einmal verspüre ich Angst. Was ist, wenn ich dich vergesse? Wenn ich mich irgendwann nicht mehr an dich erinnern kann; weder an dein Gesicht noch an deine Stimme? Panisch greife ich nach meinem Handy, um auf unserem Haustelefon anzurufen, nur um zu hören, dass wir gerade besseres zu tun haben als zu telefonieren. Die nächsten Stunden verbringe ich damit, in unseren Fotoalben zu blättern und in unseren Erinnerungen zu verweilen.

Meine Sorge war unbegründet. Ich werde dich niemals vergessen. Selbst wenn ich am Himmel leuchte, werde ich nach dir suchen, um noch heller zu scheinen. Ich weiß, dass du mich finden wirst, weil wir zusammengehören. Im Leben und im Tod. 


Lieber Tom, 

es ist sechs Monate her, dass du gegangen bist. Die Welt dreht sich weiter, doch ich würde am liebsten aussteigen. Wenn ich auf unsere Bilder blicke, packt mich immer öfter die Wut. Sie sind alles was mir geblieben sind, von dem was wir hatten: Zeit die davon geflogen ist, weil wir glücklich waren.

Deine Habseligkeiten liegen verstreut in der Wohnung. Ich kann ihren Anblick nicht mehr ertragen. Sie sagen nichts über dich aus, sind kalt und seelenlos. Was dich ausgemacht hat kann ich hier nirgends mehr finden. Es ist einfach verschwunden: Dein Lachen, das durch die Räume hallte oder deine Lebensfreude, die in jeder deiner Worte und Handlungen Ja zum Leben sagte.

Ich merke, dass mich die Wut über meinen Verlust innerlich auffrisst; so sehr, dass ich Beileidskarten angewidert lese und in kleine Schnipsel zerreiße. Doch das kann meine Wut nicht bändigen. In Rage packe ich all deine Sachen in einen großen Müllsack und werfe sie in die Tonne. Danach gehe ich in den Garten, schneide ich unsere Rosen ab und werfe die Schere davon. Doch ich bin immer noch wütend. Ich schreie laut und werfe mich zu Boden, auf dem ich minutenlang eintrommle. Irgendwann bin ich wieder bei Sinnen. Ich begreife was ich getan habe und weine über den Verlust meiner Erinnerungen. Danach sammle die Rosen ein, um sie zu trocknen und hole den Müllsack aus der Tonne. Anschließend ziehe ich ein altes T-Shirt von dir an, lege mich auf die Couch und starre aus dem Fenster. Der erste Schnee fällt und alles wird still. Zumindest für eine Weile. 


Lieber Tom, 

heute ist Weihnachten.

Während ich den Baum schmücke, lächle ich selig vor mich hin: Die Kohlrouladen und der Rotkohl duften herrlich. Der Tisch ist geschmückt und für zwei gedeckt. Unter dem Weihnachtsbaum liegt ein Geschenke für dich. Ich habe dir eine neue Rennbahn gekauft, so wie du es dir gewünscht hättest. Du hast so gerne gespielt und neue Dinge ausprobiert. In deinem Inneren bist du immer ein Kind gelieben. Doch genau das habe ich an dir geliebt. Du hast in allem etwas Schönes gefunden, das Leben bestaunt und alle Momente wertgeschätzt. Und wie abenteuerlich du warst. Ohne dich wäre ich nie auf die Idee gekommen, Rennrad zu fahren oder am Meer zu Surfen. Wir waren so gegensätzlich und doch füreinander geschaffen: Die Denkerin und das wilde Herz. Niemand hat an unsere Liebe geglaubt. Meine Eltern haben sich einen strebsamen Karrieremenschen, Ehe und Kinder für mich gewünscht. Sie haben dich abgelehnt. Deine Freunde haben hinter unserem Rücken Wetten abgeschlossen, wann du mich verlässt, weil du von mir gelangweilt bist. Doch wir haben alle eines besseren belehrt. Wir blieben zusammen und waren glücklich miteinander, weil wir akzeptiert haben, wer wir sind und einander sahen; durch all die Oberflächlichkeiten hindurch, mitten in die Seele des anderen, so dass wir erkannten dass wir trotz unser Unterschiedlichkeiten dasselbe wollen: Eine Liebe, die beständig füreinander schlägt und durchs Leben trägt.

Wie also sollte ich ohne deine Liebe leben können? Ohne mein wildes Herz kann ich nicht atmen. Ich kann und will nicht akzeptieren, dass du nicht mehr da bist. Nichts ergibt mehr einen Sinn für mich, wenn ich dich gehen lasse.


Lieber Tom, 

heute ist der Tag, vor dem ich mich am allermeisten gefürchtet habe. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, von dir Abschied zu nehmen; wahrscheinlich, weil ich wusste, dass es danach kein Zurück mehr gibt. Doch irgendwann ist es an der Zeit, sich dem zu stellen, was geschehen ist: Du bist gestorben. Der Krebs hat dich mir vor über einem Jahr genommen und ich muss dich gehen lassen, um weiterleben zu können.

Ich habe diese Entscheidung getroffen, als ich in meinem Sessel saß und mit geschlossenen Augen die Muschel aus unserem Urlaub an mein Ohr hielt. So sehr ich mich auch anstrengte, es mir aus tiefstem Herzen wünschte und inbrünstig zu Gott flehte, ich konnte weder unser Meer noch deine Stimme hören. Wütend über meine Vergesslichkeit warf ich die Muschel auf den Boden und sie zersprang. Erschrocken über einen weiteren Verlust einer Erinnerung von uns weinte ich, bis mir die Luft ausging. In diesem kurzen Moment der Stille bemerkte ich, dass die Vögel sangen und die Sonne schien. Plötzlich dachte ich an unsere Rosen, die ich vor fast einem Jahr abgeschnitten hatte. Obwohl so viel Zeit vergangen war, war ich keinen Schritt weitergekommen. Im Gegenteil. Ich bin immer noch dort, wo ich schon war und drehe mich im Kreis.

Ich bin müde vom Weinen, leugne, um nicht weinen zu müssen und bin wütend, weil ich erfolglos für ein Wunder bete, das nicht geschehen wird: Du bist tot. Ich lebe.

So schmerzhaft diese Erkenntnis ist, umso heilsamer ist ihre Akzeptanz. Zum ersten Mal verspüre ich so etwas wie Frieden und Demut in mir: Auch wenn du nicht mehr hier bist, bist du immer bei mir. Niemand nimmt mir meine Erinnerungen an dich, unsere gemeinsame Zeit oder meine Liebe zu dir.

Auf einmal kann ich mich daran erinnern, was du zu mir zum Abschied gesagt hast:

„Dein wildes Herz schlägt jetzt in deiner Brust“, hast du mir zum Abschied gesagt. Erst jetzt begreife ich, wie deine Worte gemeint waren.

Ich lege meine Hand auf mein Herz und spüre, wie es schlägt. Danach ziehe ich mich an, nehme meine Tasche und gehe ich los. 

Nachdem ich rote Rosen auf dein Grab gepflanzt habe, blicke ich zum Himmel. Der Wind rauscht leise, ich höre deine Stimme und lächle.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene