Das Halloween-Gesicht

„Meinst du Bea kommt wieder als Presswurst verkleidet zur Halloween-Party?“ Isabell lachte, dann blickte sie in den Spiegel, um ihr Make-up zu überprüfen; wie immer, gefiel ihr was sie sah. Sie war wirklich eine Schönheit, mit ihren dunkelbraunen Haaren, ihren stahlblauen Augen und….

„Ach Isabell, sei doch nicht wieder nicht so zynisch. Nicht jeder kann Kleidergröße 34 haben so wie du“; die Antwort von Tina brachte Isabell in den jetzigen Moment zurück. „Ach komm‘ schon Tina. Du weißt genau, dass sie immer viel zu enge Kleidung trägt. Genau wie ihre Freundin Martina. Sie ist selbst Schuld, wenn andere sich über sie lustig machen. Bea müsste einfach weniger essen und mehr Sport machen oder einfach passende Kleidung tragen. Auch ein wenig Schminke und ein Friseurbesuch wären nicht schlecht.“ „Hmm, wie du meinst. Sagen wir dann um 21:00 Uhr vor dem Eingang?“ „Ok, bis später.“ „Ja.“, antwortete Tina und legte auf. Isabell lauschte noch einigen Sekunden dem Tuten ihres Telefons. Ein mulmiges Gefühl stieg in ihr hoch. Am Ende ihres Gesprächs war Tina kurz angebunden und ihr Ton klang verärgert. Isabell verstand nicht warum. Was konnte sie dafür, dass ihre äußere Erscheinung wie ein Magnet auf andere Menschen wirkte und ihr Türen öffnete, die anderen verschlossen blieben? Isabell verwarf den Gedanken und griff zum Lippenstift, um ihren Look zu vollenden.

Gegen 20:30 Uhr verließ Isabell ihre Wohnung; nicht, ohne einen weiteren Blick in den Spiegel zu werfen. Der Kauf ihres Kostüms hatte sich gelohnt, dachte sie. Sie sah spitze aus. Jeder Mann würde später nur Augen für sie haben. Isabell lächelte ihr Spiegelbild an, dann machte sie sich auf den Weg.

Tina stand bereits vor dem Eingang, als Isabell eintraf. Beide begrüßten sich, betraten den Club und gingen zur Garderobe, um ihre Jacken abzugeben „Toll siehst du aus, Isabell.“ „Danke, ich weiß. Mega Kostüm oder? Alle Männer werden umfallen, wenn sie mich sehen. Warum hast du dir denn nicht auch etwas heißeres gekauft? So wird dich niemand beachten.“ Tina lief rot an. Isabell fühlte erneut dieses mulmige Gefühl von eben. „Ach, du hast ja mich. Neben mir wirst du nicht untergehen.“

Der Club war voll. Es lief laute Musik. Menschen tanzten und hatten Spaß. Tina sang lauthals mit. Isabell stand gelangweilt in einer Ecke. Keiner der Männer kam ansatzweise in Frage für sie und niemand beachtete sie, obwohl sie die schönste Frau im Club war. Naja, das kann sich ändern. Es ist noch früh am Abend, sagte sie zu sich. „Tina, ich werde mal mein Make-up auffrischen.“ „Echt, aber es ist doch so heiß hier. Es verläuft sowieso wieder. Du siehst gut genug aus.“ „Es geht noch besser. Ich beeile mich.“

Der Gang zu den Toiletten war verspiegelt, was Isabell nutzte, um ihr Aussehen kurz zu überprüfen. Sie blieb stehen, blickte in die Spiegel und erschrak. Eine grüne, grauenvolle Fratze mit verzerrter Mimik starrte sie an. Von ihrem Make-up und ihrem Kostüm fehlten jede Spur. Isabell war entsetzt. Das kann doch nicht wahr sein. Ist das ein Helloween Trick?, schoss ihr durch den Kopf. Panisch drehte sie sich um und lief zu Tina zurück.

„Tina, wie sehe ich aus?“ „Wie immer, gut. Warum willst du das andauernd hören? Ehrlich gesagt nervt mich deine Selbstverliebtheit.“ „Wie meinst du das? Ich bin doch nicht selbstverliebt.“ „Ach vergiss‘ es Isabell. Schau mal, da ist Bea.“ Isabell drehte sich um und sah Bea, die umringt von Männern an der Theke stand. Ihr Kostüm war nichts Besonderes, doch ihr Lachen war es. Es klang ehrlich, herzlich und hell. Isabell verstand die Welt nicht mehr. Sie beschloss ihr Spiegelbild erneut zu überprüfen. Isabell griff in ihre Tasche, holte ihr Handy heraus und schaltete die Kamera auf Portrait-Modus. Erneut erblickte sie die Fratze, die ihr eben im Gang begegnet war. Isabell wurde schlecht. Wieder spürte sie das mulmige Gefühl, nur diesmal intensiver und lang anhaltender. „Du Tina, mir geht’s nicht gut. Ich gehe besser nach Hause. Es tut mir leid.“ „Wie bitte? Bist du wegen meinem Kommentar zu deiner Selbstverliebtheit beleidigt? Ich kenne dich nur so. Es ist in Ordnung. Manchmal nervt es mich halt.“ „Nein, alles gut. Ich habe nur das Bedürfnis, mich abzuschminken und in mein Inneres zu sehen.“ Tina blickte sie fragend an.

Auf dem Weg nach Hause dachte Isabell nach. Über die Aussage von Tina, ihre eigenen, die sie oft herablassend über andere Menschen traf und über Bea; eine Frau, die trotz Kleidergröße 44 anziehender auf Männer wirkte als sie. Isabell wagte erneut einen Blick; sie spiegelte sich in den Fenstern der Straßenbahn. Ihre Fratze hatte sich leicht verändert. Das Grün war etwas verblasst und die Mimik wirkte weniger verzerrt. Dennoch grinste sie Fratze immer noch höhnisch an. Isabell schluckte. War dieses Gesicht ein Abbild ihres Inneren? Hatten sich ihre schlechten Gedanken über andere in Form einer Fratze an ihr manifestiert, damit ihr wahres Ich heute zu Halloween zum Vorschein kam? Wenn ja, dann war dies eine Chance für sie, ihre Gedankenwelt zu verändern. Isabell begriff, dass es nicht darum ging, sich ihr Gesicht abzuschminken, sondern ihr Inneres. Zu Hause angekommen würde sie Tina eine Nachricht schreiben und sich für ihr Verhalten in den letzten Monaten entschuldigen. Es war ein erster Schritt, das wusste sie. Doch vielleicht würde sie irgendwann ebenso ehrlich, herzlich und hell lachen wie Bea; dann, wenn ihr Inneres gelernt hatte, was wahre Schönheit ist.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

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