Die Sonnen- Regenmama

Triggerwarnung; wer mit dem Thema Depression in Verbindung mit Kindererziehung Schwierigkeiten hat oder davon nichts lesen möchte, sollte die nachfolgende Geschichte nicht lesen. Wie immer gilt, dass ich Betroffene / Leser nicht verletzen oder verärgern möchte. Diesen Themen nähere ich mich, da sie mir in meiner Arbeit begegnen und ich für eine Enttabuisierung eintreten möchte.

Sabine steckte den Schlüssel in das Schloss, um die Haustür zu öffnen. Wie immer, zur selben Zeit, kam sie aus der Schule. 6 Stunden Unterricht, doch Sabine hatte sich nicht konzentrieren können. Immerzu hatte sie an ihre Mama gedacht.

Gestern ging es ihrer Mama wieder besonders schlecht. Den ganzen Tag hatte sie geweint und sogar das Abendessen vergessen. Sabine war hungrig zu Bett gegangen und hatte nicht in den Schlaf finden können. Die ganze Nacht über hatte sie sich gefragt, was sie falsch gemacht hatte. Irgendetwas musste sie getan haben, was ihre Mama traurig gemacht hatte. Vielleicht war sie nicht brav zu ihr gewesen oder hatte etwas Schlimmes gesagt. Sabine kam nicht dahinter, was sie falsch gemacht hatte. Irgendwann wurde sie selbst sehr traurig und fing an zu weinen. Sabine machte sich große Sorgen um ihre Mama, denn sie wollte, dass es ihr gut ging.

Ihrer Mama ging es oft nicht gut. Sie weinte viel.Manchmal blieb sie den ganzen Tag in ihrem Bett. Dann war sie ihre Regenmama. An anderen Tagen lachte ihre Mama laut. Sie unternahmen zusammen viele Dinge; gingen auf den Spielplatz oder backten Käsekuchen. Dann war sie ihre Sonnenmama. Sabine mochte ihre Sonnenmama lieber. Sie war warm und kuschelig, im Gegensatz zu ihrer Regenmama, die Sabine oft vergaß.

Sabine betrat den Flur. „Mama“, rief sie. Sie hatte ein paar Blumen auf dem Nachhauseweg gepflückt, um ihre Mama zu überraschen und sie wieder zum Lachen zu bringen. Sie hatte sich auch vorgenommen, ihrer Mama heute einen Kuchen zu backen und besonders lieb zu ihr zu sein. „Dann“, dachte Sabine sich, „habe ich meine Sonnenmama zurück. Die Mama, die mich liebt hat, mich in de Arm nimmt und mit mir zusammen viel lacht.“

„Ja Schatz“, ertönte es mit gedrückter Stimme aus der Küche. „Ich bin hier. Wie war die Schule?“

Sabine ging zögerlich Richtung Küche. Sie hatte Angst, der Regenmama zu begegnen oder etwas Falsches zu sagen; etwas, was ihre Mama wieder traurig macht.

„Hallo Mama“, sagte Sabine leise. „Geht es dir gut?“

„Ja, Schatz“, ihre Mama drehte sich um. Sabine sah, dass ihre Mama geweint hatte. Ihre Augen waren ganz rot. Ihre Mama wirkte blass und zerbrechlich. Sabine bekam Angst und lief ihrer Mama in die Arme. Dann ließ sie die Blumen, an die sie sich die ganze Zeit über fest geklammert hatte, auf den Boden fallen und fing zu weinen an.

Ihre Mama hielt sie einfach nur fest und streichelte ihr übers Haar. „Mein Schatz, was ist los? War jemand in der Schule gemein zu dir? Komm, erzähl es mir. Ich höre dir zu. Danach geht es dir besser. Ich mache uns erst einmal einen warmen Kakao. Dann setzen wir uns an den Küchenisch, trinken Kakao, essen Kekse und reden.“

Sabine kuschelte sich noch fester an ihre Mama und sagte leise ja.

Ihre Mama stellte zwei Tassen mit warmen Kakao und einen Teller mit Keksen auf den Tisch. Sie lächelte Sabine an. „Ok mein Schatz. Magst du mir erzählen, was dich so traurig macht?“ Sabine hielt sich an ihrer warmen Tasse fest. Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte und sie hatte Angst, dass ihre Mama wieder weinte. „Du kannst mir alles erzählen. Ich bin deine Mama und immer für dich da.“

Sabine dachte an die vielen Tage, an denen ihre Mama sie vergessen hatte; an leere Teller auf dem Küchentisch und einsame Stunden im Wohnzimmer, die vom leisen Schluchzen ihrer Mama begleitet wurden. Auf einmal war sie nicht mehr traurig, sondern wütend. „Nein, bist du nicht. Du lügst. Du bist nicht immer da für mich. Vor allem nicht, wenn du die Regenmama bist.“ Sabine fühlte, wie Tränen in ihr hochstiegen. Sie stieß die Tasse weg, die sich über den Tisch ergoss, was Sabine egal war. Sie wollte nur noch in ihr Zimmer und ihre Ruhe. Sie wollte weglaufen, vor all diesen dunklen Gefühlen, die sie seit Monaten begleiteten. Sabine stand vom Tisch auf und rannte in ihr Zimmer. Sie schmiss sich auf ihr Bett und weinte bitterlich. Irgendwann hörte sie ein leises Klopfen an ihrer Zimmertür. „Schatz, darf ich reinkommen? Bitte, ich möchte gerne mit dir regen.“ Sabine antwortete nicht. Ihre Mama öffnete die Tür und betrat ihr Zimmer. Dann ging sie auf sie zu und setzte sich auf ihr Bett. Sanft streichelte sie ihr Haar. Sabine ließ es zu, doch sagte nichts. Ihre Tränen verebbten. Nach einer Weile drehte sie sich und sah ihre Mama an. Ihre Mama schien ebenfalls geweint zu haben, was Sabine wieder traurig machte. Das wollte sie nicht. Sie wollte doch, dass ihre Mama fröhlich ist. Sie war wieder nicht brav gewesen, obwohl es doch ihre Aufgabe war; vor allem die, ihre Mama nicht traurig zu machen. „Mama, es tut mir leid. Ich habe dich wieder traurig gemacht.“

„Schatz, was meinst du?“ „Ich merke, dass du oft weinst; selbst wenn die Sonne scheint. Ich weiß, dass ich dann etwas falsch gemacht habe. Doch ich weiß nicht was. Ich versuche, mich anzustrengen, damit du glücklich bist. Sag mir Mama, was kann ich tun, damit meine Sonnenmama bei mir bleibt?“

Ihre Mama sah sie erschrocken an. Sie war noch blasser als sonst. „Ach, mein Schatz, jetzt verstehe ich, was du mit dem Wort Regenmama gemeint hast. Es tut mir leid, dass du gedacht hast, ich sei wegen dir traurig. Ich war zu sehr mit meinem Regen beschäftigt und habe dich darüber vergessen. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich bin deine Mama und muss mich um dich sorgen. Du bist mein Kind und solltest dir keine Sorgen um mich machen müssen. Vor allem solltest du nicht denken, dass du etwas falsch gemacht hast. Das hast du nicht mein Schatz. Du bist an nichts Schuld“

„Doch Mama, wenn das so ist, warum bist du dann an manchen Tagen so traurig, dass du im Bett liegen bleibst und weinst?“ „Schatz, ich stehe manchmal einfach im Regen. Er ist ganz kalt und nass. Ich sehe und fühle dann nichts, außer den Regen. Selbst, wenn die Sonne scheint. Daher bin ich sehr müde und kann mich nicht gut um dich kümmern, obwohl ich will. Ich kann dir nicht sagen, warum es so oft bei mir regnet. Auch nicht, wann der Regen kommt. Er kommt ganz plötzlich, dann geht er wieder. Danach bin ich wieder die Sonnenmama, bis der Regen einfach wieder kommt.“

Sabine schaute ihre Mama an. Auch, wenn sie sich etwas leichter fühlte, wollte sie ihrer Mama helfen. „Mama, warum nimmst du dann nicht einfach einen Regenschirm?“

Ihre Mama lächelte, dann sagte sie: „Schatz, leider ist mein Regenschirm nicht groß genug. Er schützt mich nicht genug.“

„Mama, vielleicht brauchst du einen neuen Regenschirm? Wir könnten doch zusammen einen neuen kaufen?“

„Schatz , dass ist eine schöne Idee, doch ich glaube, dass dies meine Aufgabe ist. Deine ist es, Sabine zu sein. Ich danke dir, dass du mich daran erinnerst hast. Ich werde mir einen neuen Regenschirm kaufen, um wieder deinen Sonnenmama zu sein. Ich liebe dich mein Schatz und will für dich da sein. An allen Tagen.“

Beide fielen sich in die Arme und hielten sich fest. „Mama“, flüsterte Sabine, „dauert es lange, einen neuen Regenschirm für dich zu finden?“ „Schatz, dass weiß ich nicht. Vielleicht schaffe es auch nicht alleine, einen Regenschirm für mich zu finden. Ich glaube, dass wir Oma fragen müssen, ob sie mich bei der Suche unterstützt. Was hältst du davon mein Schatz?“

Sabine nickte. Glücklich und befreit hielt sich sich an ihrer Mama fest. „Mein Schatz, lass uns Oma heute besuchen. Auf dem Weg zu ihr, holen wir uns bei einer Bäckerei drei große Stücke Käsekuchen.“ „Es regnet doch aber Mama“, antworte Sabine. „Ich weiß mein Schatz, doch auf Regen folgt Sonne. Auch, wenn es manchmal dauert. Man muss sich nur auf den Weg machen. Also Schatz, was sagst du?“

Sabine nahm die Hand ihrer Mama und drückte sie fest. „Ja Mama, lass uns gehen. Nimm doch einfach deinen bunten Regenmantel, anstatt den alten Regenschirm.“

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

27 Kommentare zu „Die Sonnen- Regenmama

  1. Ich habe „gefällt mir“ gedrückt
    doch das ist eine Lüge
    Diese für alles menschliche Leid
    stellvertretende Geschicht gefällt mir
    ganz und gar nicht

    Die Beschreibung einer
    seelisch gekränkten Frau
    deren Selbstkränkung verborgen bleibt
    denn Krankheit kommt von Kränkung
    die ich anderen Wesen zugefügt oder an mir zugelassen habe

    Das sich als verantwortliche Täterin wähnende Kind
    Die Mutter sich als „Opfer“ selbstbedauernde „Täterin“
    an ihrer Tochter was eine Kriminalpsychogroteske

    Ist das Kind die „Retterin“ die Schmerzkörperenergie
    der selbstbemitleidenden Mutter mit ihrer Lebenskraft fütternd…

    Bitte liebende Lene den zweiten Teil schreiben
    Was die Oma aus ihrem Lebenserfahrungsreichtum denn
    der sich verantwortungslos dem Schmerz ausliefernden Tochtermutter klärend anrät

    Danke

    Segen Mut Heilung und Freude
    Kaspar Hauser von Herzen dir

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    1. Zunächst muss ich mich entschuldigen, da ich keine Warnung eingefügt habe. Dies habe ich nun nachgeholt.
      Für mich ist das Alltag, da ich in diesem Bereich arbeite. Leider habe ich vergessen, dass es dies für andere nicht ist. Wie gesagt, es ist nun nachgeholt.

      Am Anfang leider ja, am Ende nicht mehr. Denn ein Kind muss Kind sein, immer. Es darf niemals das Wohlbefinden der Eltern steigern bzw. Verantwortung hierfür nehmen. Dies ist auch die Essenz der Geschichte.

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      1. Danke liebende Lene
        ich „arbeite“ auch in diesem Bereich
        bist du Sozialarbeiterin Kinderpflegerin
        Kindergärtnerin
        Auf den zweiten Teil bin ich gespannt
        „entschuldigen“ kann ich dich nicht
        weil du keine „Schuld“ hast nirgends
        Es gibt nur Verantwortung und Erfahrung
        „Schuld“ ist eine vorchristliche Religionsidee
        und will immer Bestrafung als rächende Sühne
        sei es durch „Gesetzesvertreter“ oder als Selbstbestrafung
        Mein heutiges Verantwortungsgefühl
        ist frei von Täter Opfer Retterrollen
        Dennoch siehst du das ich als Betroffener von deinem
        Bericht aufgewühlt war…
        Herzensgruß
        Kaspar Hauser

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      2. Vielleicht aktuell, alles ein bisschen.
        Ob ich einen zweiten Teil schreibe, weiß ich nicht. Ich kann immer nur schreiben, wenn es mir mein Herz sagt. Hört sich blöd an, aber so ist es. Ein zweiter Teil wäre aus den Fingern gesogen. Aber eventuell gibt es in ein paar Wochen eine Folgegeschichte. Erste Ideen habe ich.

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      1. Sehr gut! Ich denke wir müssten im Jahre 2022 viel mehr Themen enttabuisieren. Egal, ob es um psychische Erkrankungen, Behinderung oder Homosexuelle/Genderfluid oder was es zu dem Thema andersartigkeit noch gibt.

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