Vielzu oft hatte sie die Treppen zu ihrem Keller genommen, war Stufe für Stufe abgestiegen, um in der tiefen Dunkelheit zu verschwinden. Es kam vor, dass sie ganze Tage oder Wochen in ihrem Keller verbrachte; allein, in Dunkelheit, ohne das Licht einschalten zu wollen. Ihr Keller war sicher und sie hatte gelernt, die Dunkelheit zu lieben; als einen Teil ihres Selbst, der zu ihr gehörte.
Doch mit jedem Abstieg fraß die Dunkelheit ein Stück mehr ihres Ichs; die Erinnerung an andere Räume verblasste und der Aufstieg ins Licht wurde mit jedem Male schwerer. Sie spürte, wie ihre Seele allmählich jegliche Farbe verlor; wie sie sich in die Dunkelheit fallen ließ, um mit ihr eins zu werden. Sie wusste, dass es an der Zeit war, Licht in ihren Keller zu lassen; dass sie verschlossene Kartons öffnen und altes Gerümpel aussortieren musste, um ihrer Seele wieder Farbe geben zu können.
Sie hatte einige Anläufe gebraucht, um ihr Vorhaben umsetzen zu können. Entweder war sie umgekehrt, erschrocken durch das Knarren der Stufen während des Abstiegs oder sie verlor sich erneut in ihre Dunkelheit. Da sie festen Willens war, gab sie nicht auf und eines Tages schaffte sie, in ihrem Keller das Licht einzuschalten.
Es war ein merkwürdiges Gefühl ihren Keller im Hellem zu betrachten. Sie bemerkte, dass die Wände von dunklen Rissen durchzogen waren und schwarze Tropfen von der Decke auf den Boden fielen. Die Gardinen und der Teppich waren zerrissen. In allen Ecken sah sie fest verschlossene Kartons oder Regale, die mit kaputten oder verstaubten Dingen gefüllt waren. In der Mitte des Kellers stand nichts. Es gab weder ein Sofa noch einen Tisch und auch keinen Stuhl; nur einen großen schwarzen Fleck, der die Tropfen der Decke aufging und sich in Richtung der Wände bewegte und ausbreitete.
Sie holte tief Luft, ihr Herz schlug schnell und unregelmäßig. Zögerlich ging zu einer Ecke mit einer Vielzahl von Kartons; bis sie alle Kartons öffnen konnte, ihr altes Gerümpel durchsehen und loslassen konnte, würde viel Zeit vergehen. Ihr war bewusst, dass sie nur schrittweise vorgehen musste und Rückschläge akzeptieren musste; doch sie war fest entschlossen anzufangen. Sie schloss die Augen, blickte in ihr Herz und versuchte sich an die Farben ihrer anderen Räume zu erinnern. Danach ließ sie gedanklich ihren Keller in hellen Farben mit aufgeräumten Regalen, einem gemütlichen Sofa und neuen Gardinen lebendig werden. Sie öffnete die Augen, ihr Herz schlug nun ruhig, fast gleichmäßig. Dann setzte sie sich auf den Boden und begann damit, den ersten Karton zu öffnen.
