Atem, Glas, Narbe
„Das sagst du immer. Ständig diese Vorwürfe von dir“, brüllt sie. Ihr Atem rast, sie ist auf Hundertachtzig. Er sagt nichts, dreht sich um und geht. Sie wird noch wütender und folgt ihm. Auf dem Weg bleibt ihr Blick am Spiegel hängen. Ihr Kopf ist purpurrot, ihre Augen blicken hasserfüllt. Sie erschreckt, dann wird ihr klar, was geschehen ist: Er hat ihre Narbe berührt und ihr Inneres ist wie Glas zersprungen. So kann es nicht weitergehen, sonst verliert sie sich in ihrem Gefühl nicht genug zu sein. Sie blickt in den Spiegel und sagt laut: „Ich sehe dich mein Kind.“
Sie ist empfindlich, zerbrechlich wie Glas: Bemerkungen anderer über sie lassen ihren Atem stocken und ihr Herz rasen. Das Leben ist wie ein Versteckspiel für sie. Sie läuft auf Zehenspitzen, damit sie keine Blicke auf sich zieht und ihre Narbe nicht getriggert wird. Wenn sie sich anpasst und nicht auffällt, nimmt niemand Notiz von ihr. Sie wird für andere unsichtbar; auch für ihre Ablehnung, die sie am meisten fürchtet. Tief in ihrem Inneren weiß sie, dass sie etwas ändern muss. Sie ist nicht glücklich und ihr ist klar, dass sie sich entscheiden darf: Für ein eindeutiges Ja zu sich selbst.
