Oh du Fröhliche

Bettina ging gedanklich ihre to do Liste durch; wie immer war sie zu spät dran. Wenn sie jetzt nicht losfahren würde, würde sie das traditionelle Familien Weihnachtsessen verpassen. Da ihre Mutter ihre Familie an Weihnachten gern mit ungewöhnlichen Kompositionen wie versalzenen Honig-Wasabi Kartoffeln überraschte, gäbe es sicherlich Schlimmeres; wäre da nicht ihre Ur-Oma, die ihr Gesicht im Falle ihres Zuspätkommens in vorwurfsvolle “typisch Bettina“ Falten legen würde.

Bettina überlegte; alle Geschenke waren im Kofferraum ihres Auto verstaut, sie hatte an den Wein für ihren Vater gedacht und ihre Übernachtungstasche gepackt. Wenigstens konnte sie heute etwas trinken, was die Beantwortung der obligatorischen Fragen zu ihrem Liebesleben erträglicher machen würde. Mit vier Gläser Wein intus würde es ihr nichts mehr ausmachen, die gut gemeinten Ratschläge ihrer 55-jährigen Tante Erika anzuhören und wiederholt ihre Aussage “Der Richtige kommt, wenn du nicht daran denkst“ zu bestätigen. Ein Märchen, an das sie nicht mehr glaubte, seit die Vierziger immer näher rückten.

Bettina verließ ihre Wohnung und stieg in ihr Auto. Bevor sie losfuhr, atmete sie tief ein und aus. Sie hatte das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. “Vielleicht meine kabellosen Kopfhörer, um den langweiligen Gespräche meiner Familienmitglieder über Haus und Kinder entkommen zu können.“ Mit einem Lachen auf dem Gesicht fuhr Bettina los.

Auf der Hälfte der Strecke fing ihr Auto an zu ruckeln. Plötzlich wurde Bettina bewusst, was sie vergessen hatte. Sie war nicht wie geplant zur Tankstelle gefahren und einen Ersatzkanister hatte sie nicht dabei. “Na Klasse“, dachte Bettina. Ihr Auto fuhr noch ein paar Meter, dann blieb es stehen.

Bettina griff zum Handy, um ihren Vater anzurufen. Da ihr Vater abends nicht mehr mit seinem Auto fuhr, würde Onkel Peter kommen. Sie freute sich schon auf seine dämlichen Witze, die er auf ihre Kosten reißen würde. Grimmig entsperrte Bettina ihr Handy.

Als sie die Nummer ihres Vaters wählen wollte, ging ihr Handy aus. Natürlich hatte sie es vergessen, es vor ihrer Fahrt aufzuladen. Bettina stieß innerlich Schimpftiraden aus; gegen Weihnachten, ihre Familie und am Ende gegen sich selbst.

Alle würden wieder sagen,“Typisch Bettina, etwas anderes kennen wir nicht von ihr.“ Bettina sank auf ihrem Lenkrad zusammen. Sie sehnte sich nach dem vorwurfsvollen Faltengesicht ihrer Ur-Oma und den versalzenen Honig-Wasabi Kartoffeln ihrer Mutter. Dann dachte sie an den Wein, den sie für ihren Vater mitgenommen hatte. Sie griff neben sich, öffnete die Flasche und trank einen Schluck. Gedanklich prostete sie ihrer Familie zu. “Frohe Weihnachten“, sagte sie zu sich selbst.

Als Bettina zu einem weiteren Schluck ansetzte, sah sie zwei Rücklichter, die sich aus der Ferne näherte. Das Auto fuhr immer langsamer und hielt schließlich an.

Bettina bekam es mit der Angst zu tun, sie überlegte, ob sie die Weinflasche notfalls als Waffe einsetzen konnte.

Ein Klopfen an der Scheibe ertönte. Bettina umklammerte die Weinflasche, drehte sie sich um und blickte in zwei bekannte Augen.

“Dirk, was machst du denn hier? Das gibt es doch nicht.“, sagte Bettina erleichtert. Dirk antwortete lachend: “Nabend Bettina. Ich bin auf dem Weg zu meiner Familie. Und du? Hast du es dir doch anders überlegt und beschlossen, dich hier vor deiner fröhlich-schrecklichen Familie zu verstecken?“

Dirk lachte über das ganze Gesicht, seine Grübchen traten hervor. Bettina hatte Dirk während ihres Studiums kennengelernt und sofort attraktiv gefunden. Leider blieb ihre Schwärmerei einseitig, denn er kam mit Manuela zusammen und war es auch heute noch. Wenigstens konnte sie später ihrer Familie von einem geheimnisvollen Mann erzählen, der sie gerettet hatte. Das aufregendste, das in ihrem Liebesleben in den letzten Monaten passiert war.

Bettina stieg die Röte ins Gesicht, wieder einmal wurde sie sich lächerlich machen. “Was soll ich sagen, typisch Frau. Mein Display ist kaputt, daher leuchten keine Warnsignale, die mich daran erinnern hätten könnten, zur Tankstelle zu fahren.“

Dirk antwortete verschmitzt: “Gut, dass ich für uns beide getankt habe. Komm, ich nehm dich mit. Das heiligste aller Feste darfst du auf keinen Fall verpassen.“

Beide packten ihre Sachen in Dirks Auto, dann fuhren sie los.

“Weißt du Bettina, in letzter Zeit habe ich oft an dich denken müssen.“ “Wirklich?“, fragte Bettina überrascht. “Ja, ich mochte schon damals deine chaotische Art. Der umgedrehte Pulli, die zweifarbigen Socken oder deine wilden Locken, die im Wind hin und her wehten.“ Am liebsten hätte Bettina Dirk gestanden, dass sie ihn ebenfalls sehr gemocht hatte. Stattdessen sagte sie: “Wie du siehst, habe ich mich kaum verändert; nur meine Haare trage ich jetzt glatt.“ Beide lachten.

“Du Bettina, was hältst du davon, wenn wir uns später, nachdem wir den Weihnachtshorror überstanden haben, in unserer Stammkneipe treffen?“ “Was ist denn mit Manuela?“, fragte Bettina verwundert. “Ach weißt du, Manuela und ich haben uns getrennt. Es hat einfach nicht mehr zwischen uns gepasst.“ Am liebsten hätte Bettina laut gejubelt; sie antworte: “Na dann steht unserer Wiedersehensfeier nichts im Wege und schließlich muss ich mich bei meinem Retter in der Not gebührend bedanken.“

“Weißt du, was seltsam ist?“, fügte Dirk hinzu, “eigentlich plane ich immer alles im Voraus, außer heute. Wäre ich nicht tanken gewesen und dein Auto nicht stehen geblieben, hätten wir uns heute nicht getroffen.“ “Na dann“, erwiderte Bettina, “haben wir beide Glück gehabt und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ “Ja, da hast Recht“, sagte Dirk.

Bettina wurde bewusst, wie sehr sie sich auf dieses Weihnachtsfest freute; “Manchmal ist es das Unperfekte, das Chaos, was unser Leben perfekt macht“, dachte sie vergnügt.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

10 Kommentare zu „Oh du Fröhliche

  1. Wieder so eine lebendige Geschichte „aus dem Leben“.
    Wenn dies auch eher die Ausnahmen sind, so gibt es sie, und das ist dann für die Betreffenden wirklich wie ein „Wunder“. Vielen Dank! 💓💕

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  2. Mann äh Frau also
    das Weib hat echt sagenhaftes Glück…

    und wie haben die Schicksalsengel geschwitzt
    diesen lyrischen Liebesfilm so zu choreografieren

    naja ich hab immer nen Reservekanister für irgend so ne Tussi dabei
    allerdings „Super“ wenn die jetzt Diesel fährt….

    lächelnden Dank ein Schneemann im Tauwetter hier

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