Es war einmal ein Entlein, das unglücklich war: Immer wenn es sich im See spiegelte, sah es sein graues struppiges Gefieder. Dann war es ganz traurig, weinte und fragte sich, warum es nicht braun gefärbt war oder Muster in seinen Federn hatte. Der sehnlichste Wunsch des Entleins, eines Morgens in einem neuem Federkleid aufzuwachen, erfüllte sich nicht. Voller Bewunderung betrachtete es die weißen Schwäne, die mit ihren Federn und ihren langen Hälsen im Sonnnelicht strahlten: „Ich werde niemals so schön aussehen“, flüsterte es bedrückt. Das Entlein grämte sich jeden Tag mehr, sonderte sich ab und schwamm stundenlang im Kreis. Dabei blickte es in den See und verfluchte seine Federn, bis es schlafen ging.
Nachdem das Entlein erneut den halben Tag im Kreis geschwimmen war, beschloss es, seine gewohnte Schwimmfläche zu verlassen. Es war müde von all seinen Gedanken an sein Spiegelbild und sehnte sich nach einem Ort an dem es glücklich sein konnte: „Überall ist es besser, als hier“, sagte es überzeugt. Dann schwamm das Entlein los. Immer Richtung Süden. Es hatte mal gehört, dass es dort am schönsten war.
Die Sonne schien und die Wellen schlugen ruhig. Das Entlein ließ sich treiben und erfreute sich an seiner neuen Umgebung: Es sah Wasserkäfer mit Flügeln und riesengroße Fische in dunkelgrau. Nachdem es eine Weile geschwommen war, stellte das Entlein fest, dass es nicht an sein graues struppiges Gefieder gedacht hatte. Es fühlte sich freudig leicht und lächelte. „Wäre es doch nur immer so“, frohlockte das Entlein und tauchte vor lauter Wonne bis zum Grunde des Sees. Nachdem es eine Weile im Wasser gespielt hatte, verspürte es Hunger und begab sich auf Nahrungssuche. Es fand einen Algenteppich und ließ sich nieder. Als das Entlein mit dem Essen beginnen wollte, erblickte es im Augenwinkel eine seltsame Blume. Magisch von ihr angezogen, schwamm es auf sie zu, um sie sich aus der Nähe anzusehen. Ihre Blätter waren riesig und ihre Blüten lila rot gesprenkelt. Sie duftete herrlich. Das Entlein steckte seinen Schnabel tief in die Blüten und sog ihren süßlichen Duft ein. Plötzlich spürte es ein starkes Pieksen und zog sich erschrocken zurück. Danach betrachtete es die Blütenblätter genauer und stellte fest, dass sie mit kleinen Dornen übersät waren. Das Entlein kam ins Grübeln: „Selbst etwas so Schönes hat Schwachstellen, was seiner Schönheit aber keinen Abbruch tut. Es ist immer noch schön. Würde das im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass es auch in allem Unscheinbaren etwas Schönes gibt? Und wenn dem so ist, dann müsste es doch auch etwas Schönes an sich finden. Oder nicht?“
Nachdenklich schwamm es zu den Algen zurück und aß sich satt. Währendessen ließ das Entlein seine Erlebnisse Revue passieren. Es hatte gelernt, dass es sich von seinen Gedanken an sein Gefieder ablenken konnte, wenn es sich auf den Moment konzentriert. Auch hatte es begriffen, dass in allem etwas Schönes steckt, wenn man es genauer betrachtet. Könnte es seine Erfahrungen nur dazu nutzen, sein inneres Glück zu finden. Doch noch wusste es nicht wie. Das Entlein war zu müde, um weiter darüber nachzudenken. Es drehte sich ein, schlief und träumte: Es sah weißes Gefieder, das im Sonnenlicht strahlte. Dann blickte das Entlein in den Himmel und hörte eine Stimme flüstern: Du warst schon immer schön. Mach die Augen auf und erkenne wer du bist. Unter all dem, was deine Angst und deine Zweifel verdecken.“
Als es aus seinem Traum erwachte, war es bereits später Abend. Das Entlein hatte lange geschlafen und brauchte einige Zeit, bis es wach wurde. Dann erinnerte es sich an seinem Traum und blickte zum Himmel. Als ob es dort eine Antwort finden würde. Die Sterne leuchteten, einige blitzten hell auf. Hatte das etwas zu bedeuten? Neurigierig geworden schwamm das Entlein los und folgte den Sternen, die immer wieder auf blitzten. Schließlich kam es zu einer freien hellen Stelle, die von den Sternen beleuchtet wurde. Das Entlein spürte, dass es an der Zeit war, sich anzusehen, ohne sich im Kreis zu drehen. Es trat sich durch die dunkleren Stellen hindurch, bis es die helle Stelle erreichte. Es blickte erneut zum Himmel und suchte die blitzenden Sterne, doch sie waren verschwunden. Woher kam dann das Licht? Was passierte hier? Im Entlein kribbelte es vor Angst und Aufregung, doch es folgte seiner Eingebung: Es gab sich dem Moment hin, holte tief Luft und sah sich an. Währenddessen dachte es an all das Schöne an sich.
Es war großzügig und hilfsbereit. Es teilte seine Nahrung und half anderen in der Not. Auch konnte es rückwärts schwimmen, sich auf zwei Füßen im Kreis drehen und in verschiedenen Tonlagen schnattern. Wenn das Entlein es sich recht überlegte, hatten es viele Talente und war einzigartig, auch wenn es anders aussah. Es hatte sich nur genauer ansehen müssen, um zu verstehen, dass es trotz allem liebenswert war. Nachdem es sein Spiegelbild mit seinem Schnabel liebevoll angestupst hatte, wurde die helle Stelle immer größer. Der Himmel leuchtete noch heller als vorher. Um das Entlein herum drehten sich Lichtkreise, die immer schneller wurden, bis sie versiegten. Aufgeregt flatterte es mit den Flügeln und sah sich um. Außer dem klaren Nachthimmel und den stillen See sah es nichts. Doch es spürte, dass etwas mit ihm geschehen war. Erneut spiegtelte es sich im Wasser. Überrascht stellte es fest, dass es anders aussah. Anstatt des grauen struppigen Gefieders hatte das Entlein weiße Federn und einen langen Hals: Es war zum Schwan geworden. Plötzlich verschwamm das Spiegelbild und alles wurde dunkel.
Als das Entlein erwachte stellte es fest, dass es nur geträumt hätte. Dennoch war es nicht enttäuscht. Es spürte, dass sich sein Inneres verändert hatte: Ob es graues struppiges Gefieder hatte war ihm egal. Es hatte den Schwan in sich gefunden, weil es sich liebte, so wie es war. Zufrieden schwamm das Entlein nach Hause zurück.
