Vergessen

Es war bereits dunkel, als sie nach Hause kam; so wie es an diesen trüben Tagen oft gewesen ist. Sie war müde und sie fühlte sie ausgelaugt. Sie war nicht sie selbst; nur das Selbst, dass sie heute Morgen erschaffen hat. Sie wollte sich wieder als ihr Selbst fühlen.

Sie begann, ihr zweites Gesicht abzuwischen; seine kläglichen Reste klebten nun an einem Abschminktuch. Sie schaute in den Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Ihr gefiel nicht, was sie sah, ihr eigentliches Gesicht. Das Zweite hatte ihr von jeher besser gefallen. Sie seufzte.

Sie begann, ihr Kostüm auszuziehen und in den Schrank zu hängen. Sie hatte so viele davon; eins für jeden, den sie kannte. Kostüme, die nicht zeigen, wer sie wirklich ist.

Danach betrachtete sie sich erneut im Spiegel. Das war sie. Ohne zweites Gesicht und ohne Kostüm. Einfach nur sie. Und sie fragte sich, warum es ihr so schwer fiel, sich an dieses Bild zu gewöhnen. Sie wandte sich vom Spiegel ab und dachte nach.

Sie hatte versucht, anderen ihr Selbst zu zeigen. Oft sogar. Doch jedes Mal, wenn sie ihr Selbst jemand anderem gezeigt hatte, wurde dieses verletzt. Ihr Selbst hatte Risse bekommen, die sie nun mit ihrem zweiten Gesicht und ihren Kostümen kaschierte. Niemand soll diese Risse sehen; niemand außer sie selbst.

Ihr wurde klar, dass ihr zweites Gesicht und ihre Kostüme Abstand zwischen den anderen und ihrem wahrem Selbst schaffen.

Es ist anstrengend zwischen den unterschiedlichen Kostümen das „Richtige“ zu wählen und ihr Gesicht zu verstecken. Genau deswegen fühlt sie sich müde und ausgelaugt. Manchmal fühlt es sich sogar so an, als ob ihr Selbst immer weniger wird; bis es irgendwann ganz verschwindet. Sie resümierte, dass sie vergessen hatte, wer sie ist.

„Ich will mich weder vergessen noch will ich mich verlieren“, dachte sie. „Nicht an ein Selbst, dass es gar nicht gibt. Auch nicht an Menschen, die mich eigentlich gar nicht kennen“.

Sie beschloss es noch einmal zu versuchen, sie selbst zu sein; vor sich und den anderen. „Ich weiß, was ich als erstes tun muss“, dachte sie. Zu allererst ging sie zu ihrem Schrank, um ihre Kostüme auszusortieren.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

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