Beim Blick in den Spiegel ergreift sie ein Gefühl von Fremde und sie stellt sich die Frage, wer sie ist, ohne andere, die sie brauchen.
Hochzeit, Kinder, Scheidung – Fünfundzwanzig Jahre, in denen sie ihre Bedürfnisse nach hinten gestellt hat, sind an ihr vorbeigezogen und haben sie zurückgelassen. Die Zeit ist unbarmherzig verstrichen und in ihren Händen zerronnen.
Unweigerlich fragt sie sich, wieviel Leben für sie übrig bleibt. Reicht die Zeit, um sich neu zu finden? Dann wird ihr klar, dass sie einer Illusion gefolgt ist. Zeit ist bedeutungslos, weil alles im Moment liegt. Sie ist am leben – jetzt und hier.
Der Mann, der ihr gegenüber sitzt, lächelt sie an. Er gefällt ihr gut, doch Tanja senkt den Blick. Sie hält sich für unscheinbar und langweilig.
Tanja hat Angst vor Ablehnung und lehnt sie sich selbst ab, ohne es zu bemerken. Gespräche sind ihr unangenehm und Veranstaltungen geht sie aus dem Weg. Mittlerweile lebt sie in ihrem Rapunzelturm, ohne ihr Haar herunterzulassen.
Sie blickt wieder auf. Er ist gegangen. Tanja winkt die Kellnerin heran und zahlt. Sie steht auf und verlässt das Café. Da steht er, mit einer Blume in der Hand und lächelt. Tanja lächelt zurück und öffnet ihren Pferdeschwanz.
