Diese Geschichte hat es leider nicht in die Veröffentlichung geschafft, dennoch möchte sie gelesen werden. Achtung, Trigger Warnung: Gewalt, Häusliche Gewalt, Partnergewalt, Traumata, psychische Belastung/en. Wer sich von diesen Themen getriggert fühlt, sollte den folgenden Inhalt nicht lesen.
Es war Nacht, Mondlicht schimmerte auf sie herab. Sie hielt ein Foto in der Hand und blickte auf den Grabstein vor sich. Ihr letzter Besuch war lange her. „Hallo Mama“, flüsterte sie.
Ihr Handy vibrierte. Zehn Anrufe und eine AB Nachricht von Tobias. Sie schaltete ihr Handy aus und warf es in die Dunkelheit. Lisa existierte nicht mehr. Zumindest die Version von ihr, die einen Mann wie Tobias als Partner akzeptierte.
Lisa lernte Tobias auf einer Online-Plattform kennen. Er sah auf umwerfend aus und gab an, Manager in einem Wirtschaftsunternehmen zu sein.
Bei ihrem ersten Telefonat warf er mit Komplimenten um sich und signalisierte ihr, die Frau fürs Leben zu suchen. Alles war zu schön, um wahr zu sein. Er bat sie mehrmals um ein Treffen. Sie fühlte sich fast schon bedrängt. Trotz ihres flauen Gefühls willigte sie ein. Sie wünschte sich zu heiraten, sehnte sich nach Halt und Geborgenheit in einer Familie; ihre eigene war schon lange verstorben.
Bei ihrem ersten Treffen überreichte er ihr eine Rose, tätschelte sie am Po und schob sie schließlich energisch ins Auto. Der Motor heulte und sie brausten los.
Sie gingen ins teuersten Restaurant der Stadt. Während er charmant lächelte, studierte sie angestrengt die französische Speisekarte. „Du solltest die Bouillabaisse probieren.“ Ehe Lisa ihm antworten konnte, bestellte Tobias beim Kellner für sie. Sein Verhalten löste Unwohlsein in ihr aus, gleichzeitig fand sie es anziehend. Sie verstand nicht, was mit ihr los war und spülte ihre Verwirrung mit Wein herunter. Sie war es wohl einfach nicht gewohnt, dass ein Mann Interesse an ihr zeigte und sich um sie bemühte. Während des Hauptgang umschmeichelte er sie.
„Du siehst wunderschön aus. Das Kleid steht dir gut. In Blau würde es dir noch besser stehen. Ein paar High Heels dazu und man bräuchte einen Waffenschein für dich. Übrigens liebe ich es, wenn Frauen in hohen Schuhen laufen können. Das ist sexy.“
„Ich sehe eher wie ein Storch im Salat aus, wenn ich auf solchen Dingern laufe.“
„Keine Sorge, ich kaufe dir welche, damit du üben kannst.“
Sie schenkte sich Wein nach und trank ihr Glas in einem Zug leer. Sie konnte die Gefühle, die Tobias in ihr auslöste, nicht einordnen. Etwas in ihr flüsterte, doch sie entschied sich, diese Empfindung zu ignorieren. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit war größer.
„Das Dessert nehmen wir besser woanders zu uns“
Sie nickte, er bezahlte und beide verließen das Restaurant.
Lisa wachte nach einer langen Nacht in seinem Loft auf. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie realisierte, wo sie sich befand. Sie schämte sich zutiefst, da sie sich einem fremden Mann vollkommen hingegeben hatte. Am liebsten hätte sie seine Wohnung fluchtartig verlassen. Stattdessen ging sie ins Badezimmers und blickte in den Spiegel. Sie erkannte sich darin nicht. Plötzlich spürte sie wieder das Flüstern von gestern. Es wandelte sich zu einem lauter werdenden Rauschen, das beinahe bedrohlich wirkte. Dann klopfte Tobias an der Tür..
„Willst du ewig im Badezimmer bleiben? Zieh dich an, ich habe Hunger und will mit dir Frühstücken gehen.“
Sie zuckte zusammen, als sie seine Stimme hörte. Das Rauschen verstummte. Sie rieb sich die Augen, um im Kopf wieder klar zu werden, wusch sich ihr Gesicht, zog sich an und lächelte in den Spiegel.
„Ich habe bloß Angst, das ist alles. Es ist an der Zeit, mich auf einen Mann einzulassen.“
Lisa starrte auf das Foto in ihrer Hand. Ihre Mutter umarmte sie lächelnd an ihrem zwölften Geburtstag. Kurz danach war sie in eine Wohngruppe für junge Mädchen gezogen, da ihre Mutter an Krebs verstorben war. Es gab keine Verwandten, die sie aufnehmen konnten. Ihr Vater war schon Jahre zuvor verstorben. An was, wusste sie nicht. Ihr fehlten jegliche Erinnerungen an ihn. Es gab keine Bilder von ihm und ihre Mutter schwieg beharrlich, wenn sie etwas über ihn wissen wollte.
Sie war ein schüchternes Mädchen gewesen, das sich schwer tat, die Wohngruppe als ihren Lebensort zu akzeptieren. Nachts litt sie oft unter Albträumen, an die sie sich nach dem Aufwachen nicht erinnern konnte. Alles was von ihnen übrig blieb, war ein Rauschen, das bedrohlich in ihr flüsterte. Mt der Zeit lebte sich Lisa ein und die Albträume verschwanden.
Nach ihrem Abitur und ihrer Verselbständigung im Apartmentwohnen, begann sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau, die sie erfolgreich abschloss. Danach zog sie in ihre erste eigene Wohnung und lebte eigenständig. In ihren Arbeitskolleginnen fand sie Freundinnen, doch bei Männern hielt sie sich weiterhin zurück.
Sie meldete sich schließlich auf einer Dating-Plattform an, wie es ihr Freundinnen geraten hatten.
Tobias war der erste Mann gewesen, mit dem sie eine Partnerschaft eingegangen war.
Die ersten sechs Monate verliefen harmonisch. Er überhäufte sie mit Geschenken und zeigte sich liebevoll. Sie war sich sicher, die große Liebe gefunden zu haben und war überglücklich. Bis zu dem Abend, an dem er sein wahres Gesicht zeigte.
Sie waren Essen gegangen. Während er zur Toilette gegangen war, sprach der Kellner sie an. Er erkundigte sich bei ihr, ob ihnen das Essen geschmeckt hatte. Als Tobias wieder kam, bemerkte sie seine finstere Mine. Wortlos setzte er sich zu ihr an den Tisch. „Möchten sie noch etwas bestellen?“, fragte der Kellner. „Nein, nur die Rechnung“, erwiderte er harsch.
Auf dem Rückweg sprach er kein Wort mit ihr. „Ist alles in Ordnung? Du bist so still. Habe ich etwas falsch gemacht? Ich kann auch zu Hause schlafen, wenn dir das lieber ist und wir reden morgen?“ Statt zu antworten, steuerte er den Wagen Richtung Straßenrand und bremste scharf. Seine Augen funkelten wütend, dann schrie er. „Du glaubst wohl, dass ich blöd bin oder? Sag doch gleich, dass du zu deinem neuen Lover willst. Lüg bloß nicht. Ich habe euch miteinander flirten sehen. Am besten steigst du sofort aus.“ Tobias beugte sich provozierend über sie und öffnete die Autotür.
Lisas Herz pochte, alles rauschte in ihr. Diffuse Erinnerungsfetzen blitzten vor ihren Augen auf, waren aber nicht fassbar für sie. Sie fing an zu schwitzen und konnte sich weder bewegen noch antworten. „Na, hat es dir die Sprache verschlagen oder wie?“ Tobias starrte sie finster an. Minuten vergingen, sie blieb still..Plötzlich verändert sich seine Mimik wieder. Er berührte ihre Schulter, sie zuckte zusammen. Sie spürte, dass sie sich wieder in ihrem Körper befand und sprechen konnte. „Es war doch nur ein Gespräch. Er hat mich gefragt, ob uns das Essen geschmeckt hat. Es tut mir leid, wenn ich dich verärgert habe. Ich wollte bloß höflich sein. Mehr war da nicht. Bitte glaub mir“, sagte sie eingeschüchtert. „Es tut mir leid mein Schatz. Ich hätte dich nicht anschreien sollen. Es kommt nicht mehr vor. Ich liebe dich einfach so sehr und habe Angst, dich an einen anderen Mann zu verlieren. Du verzeihst mir doch oder?“ Lisa nickte entkräftet. Sie hoffte, dass das Rauschen, welches noch leise in ihr hallte, endlich verstummte. Er küsste sie und sie fuhren in sein Loft.
Am nächsten Tag schickte er ihr 50 Rosen nach Hause. Sie spürte, dass etwas falsch lief, verließ ihn aber nicht. Sie war noch nicht bereit, die Erinnerungen ihres Rauschens zusammenzusetzen.
Von diesem Abend an verhielt sich Tobias zunehmend besitzergreifender. Er war auf alles und jeden eifersüchtig. Er stellte Regeln und Bedingungen auf. Lisa musste ihn zu jeder Zeit wissen lassen, wo sie sich befand und mit wem sie unterwegs war. Er kontrollierte ihr Handy und ihre sozialen Netzwerke. Immer öfter verlor er die Beherrschung, wenn sie sich nicht an seine Regeln hielt und beschimpfte sie. Trotz alldem blieb sie. Neben seinen Wutausbrüchen konnte er charmant und liebevoll sein. Er entschuldigte sich nach seine Aussetzern und beteuerte, dass er sie liebte. Sie nahm sich vor, seine Regeln einzuhalten, um ihm eine bessere Freundin sein zu können. Das Rauschen, das sie bei seinen Wutanfällen verspürte, verdrängte sie. Ebenso die Albträume, die sie nachts immer öfter heimsuchten und tagsüber lähmten. Bis zu jenem Vorfall, der sie an alles erinnern ließ.
Eine Kollegin hatte Abschied gefeiert. Der Akku ihres Handy war leer gegangen und sie hatte seinen zahlreichen Anrufe und Nachrichten nicht empfangen. Sie war mit Tobias um 19:00 Uhr in seiner Wohnung verabredet gewesen. Erschrocken stellte sie fest, dass sie sie Zeit vergessen hatte. Sie verabschiedete sie sich hastig und fuhr los.
Als sie das Loft betrat, war niemand zu sehen. „Hallo, jemand da“, rief sie. „Ich bin hier, im Wohnzimmer.“ Nachdem sie ihre Mantel und ihre Schuhe ausgezogen hatte, ging sie zu ihm. Er drehte sich nicht zu ihr um. „Na, wo hast du dich rumgetrieben? Wir waren doch um 19:00 Uhr verabredet gewesen oder? Jetzt ist es fast Acht. Ich habe unzählige Male angerufen, weil ich mir Sorgen gemacht habe.“ „Es tut mir leid. Die Yvonne aus dem Büro hat heute ihren Abschied gefeiert und (…).“ Er stand auf, ging auf sie zu und baute sich bedrohlich auf. Sie zitterte am ganzen Körper und verfing sich in Erinnerungsfetzen, die ihre Eltern zeigten. Sie stand als kleines Mädchen dazwischen und schrie.
Dann hob Tobias die Hand und schlug ihr mehrmals ins Gesicht. „Spar dir deine billigen Entschuldigungen. Tue ich nicht alles für dich? Das einzige was ich dafür verlange ist Loyalität und Ehrlichkeit. Ich bin enttäuscht von dir. Du schätzt meine Liebe nicht und belügst mich. Lass dir das eine Lehre sein.“ Er verließ das Wohnzimmer und ging durch die Haustür. Lisa blieb am Boden liegen, sie konnte nicht aufstehen. Sie war vollkommen in dem Rauschen und ihren aufblitzenden Erinnerungsfetzen gefangen. Schließlich wurde sie ohnmächtig.
Sie erwachte. Es war dunkel, nirgends brannte Licht. Tobias war nicht nach Hause gekommen. Lisa rappelte sich langsam hoch und ging ins Badezimmer, um die Wunden in ihrem Gesicht zu versorgen.
Sie betrachtete sich im Spiegel. Ihr linkes Auge war angeschwollen, ihre Wangen begangen sich blau zu verfärben und ihre Oberlippe hatte geblutet. Sie fühlte das Rauschen, diesmal bewusst. Lose Erinnerungsfetzen, formten sich zu einem erkennbaren Bild. Lisa fing an zu weinen. Sie kannte das Gesicht im Spiegel; es war das Gesicht ihrer Mutter, das ihr Vater regelmäßig verprügelt hatte.
Plötzlich realisierte sie, dass Tobias das Ebenbild ihres Vaters war. Er zeigte dasselbe Verhalten an, das sie als Liebe interpretiert hatte, da sie es aus ihrer Vergangenheit kannte.
Nachts hörte sie oft Schreie oder lautes Gepolter aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern. Sie verkroch sich unter der Bettdecke und weinte. Am nächsten Morgen verbarg ihre Mutter ihre blauen Flecken im Gesicht mit dicker Make Up Schicht, während ihr Vater abends Rosen oder Pralinen mitbrachte. Lisa spürte, dass etwas nicht stimmte. Doch ihre Mutter verlor niemals ein Wort über ihr Befinden und sie traute sich nicht, ihr Fragen zu stellen.
Die Beziehung zu ihrem Vater war wechselhaft. An manchen Tagen war sie seine Prinzessin, an anderen störte ihn alles, was sie tat. Es war schwer, seine Wutausbrüche vorauszusehen. Manchmal geschahen sie plötzlich, manchmal bauten sie sich langsam auf. In seiner Anwesenheit bemühte sie sich immer, keine Fehler zu machen und besonders lieb zu sein, damit er nicht wütend wird.
Es gab unbeschwerte Vater-Tochter Momente, aber auch viele Begegnungen, die von Angst und Unsicherheit geprägt waren.
Eines abends verlor er jegliche Kontrolle. Er griff ihre Mutter in ihrem Beisein an.
Es war ein Sonnabend, als er angetrunken vom Skatspiel mit Freunden nach Hause kam.
Ihr Vater beschimpfte ihre Mutter, die das Essen zu bereitete. Sie schreckte die Nudeln ab. Lisa spielte mit ihren Puppen im Wohnzimmer.
„Nichts kannst du richtig machen. Du schaffst es nicht mal, das Essen pünktlich auf den Tisch zu stellen.“ Lisa rannte in die Küche und sah wie ihr Vater seine Hand erhob. Sie schrie. „Nicht vor dem Kind Walter.“ „Lass das Balg doch schreien. Lenk bloß nicht ab. Du hast den Fehler gemacht. Es gibt hier Regeln im Haus, die ihr zu befolgen habt. Am liebsten würde ich euch beide umbringen, so sehr bringt ihr mich zur Weißglut“ Er ging auf ihre Mutter zu und versuchte sie zu würgen. Sie eilte ihrer Mutter zur Hilfe und schlug auf ihren Vater ein. Als ihr Vater kurz von ihrer Mutter abließ, schlug sie weiter auf ihn ein. Durch seinen angetrunkenen Zustand fing er an zu straucheln, verlor das Gleichgewicht und schlug unglücklich mit seinem Kopf auf die Herdkante. Lisa vernahm ein Knacken, das Rauschen des laufenden Wassers, dann Stille. Todesstille. Lisa zitterte am ganzen Körper und weinte. Ihre Mutter umarmte sie. „Es tut mir leid mein Schatz. Er wird dir nie wieder weh tun. Und mir auch nicht. Vertrau mir. Wir rufen die Polizei. Doch du musst noch einmal stark sein. Du musst der Polizei eine Geschichte erzählen. Wir sind durch ein Poltern wach geworden, sind nach unten gegangen und haben deinen Vater in der Küche gefunden. Mehr wissen wir nicht. Es war ein Unfall Lisa, hörst du? Die Polizei würde uns nicht glauben. Niemand weiß, wie dein Vater wirklich war.“ Lisa nickte weinend. Sie hätte ihrer Mutter alles versprochen, damit die Situation endet und das Rauschen, das immer noch in ihr hallte, verstummt. Alles verschwamm vor ihren Augen, sie konnte nicht aufhören zu weinen, bis die Polizei kam. Sie hatte ihren Vater getötet.
In den Befragungen sagte sie immer wieder dasselbe, solange bis sie es selbst glaubte. Sie hatte ein Poltern gehört und sei aus Angst zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer gerannt. Beide seien in die Küche gegangen und hätten ihren Vater auf dem Boden liegend vorgefunden. Mehr wisse sie nicht.
Ihre Mutter bestätigte ihre Geschichte und ergänzte, dass ihr Mann vorher Freunden zum feuchtfröhlichen Skatspiel besucht hatte. Die Polizei glaube ihr, auch wenn es Ungereimtheiten gab. Es kam zu keinen weiteren Untersuchungen.
Nachdem Lisa ihr Gesicht notdürftig versorgt hatte, starrte sie ins Leere. Was sollte sie jetzt tun? Wo sollte sie nun hingehen? Das mit Tobias war vorbei und die Lisa, die sie glaubte zu sein, gab es nicht mehr. Schließlich entschied sie sich, dort neu anzufangen, wo alles begonnen hatte. Sie verließ das Loft und fuhr in ihre Wohnung.
Der Morgen graute bereits. Lisa legte das Foto auf das Grab ihrer Mutter. Bereit sich von ihrer Vergangenheit zu verabschieden.
Sie hatte ihren Vater damals nicht absichtlich getötet. Sie wollte ihre Mutter beschützen. Es war ein Unfall gewesen, der durch einen Impuls ihres Vaters ausgelöst wurde. Ihre Mutter hatte sich dazu entschieden, sie zu beschützen, indem sie ihre Vergangenheit begrub und eine Zukunft schenkte, die in diesem Augenblick begann. Nachdem sie dem Rauschen zugehört hatte, konnte sie es loslassen.
„Danke Mama“, sagte sie und verließ den Friedhof. Frei von Schuld und geborgen in dem Frieden, den sie in sich spürte. Bereit zu leben und zu lieben.
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