Die Schreckensliste

Für kommenden Mittwoch muss ich einen Fragebogen bearbeiten. Ich soll meine positiven Eigenschaften benennen bzw. überlegen, was meine Freunde an mir sympathisch finden könnten.

Was mir schwer fällt, schiebe ich grundsätzlich vor mir her. So auch diese Aufgabe, die ich schon vor einigen Tagen erhalten habe.

Schon beim ersten Mal, als ich einen Blick auf die Fragen zu meinen positiven bzw. sympathischen Eigenschaften warf, wusste ich, dass die Lösung dieser Aufgabe für mich schwierig wird; mir fiel dazu nichts ein. Somit blieben die Fragen unbeantwortet und die Blätter leer.

Trotzdem versuchte ich an den darauffolgenden Tagen positive Eigenschaften an mir zu finden. Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich fleißig, zuverlässig und auch ehrgeizig bin. Nun hatte ich zwar positive Zuschreibungen, zufrieden war ich aber mit ihnen nicht. Irgendwie fühlten sich diese Zuschreibungen wie Floskeln an; solche, die man bei Bewerbungsgesprächen fallen lässt, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Oder wie Sätze, die man in einem Arbeitszeugnis lesen würde; die inhaltlich soviel bedeuten, wie „sie war stets bemüht, sich fleißig zu zeigen“.

Wie so oft, fragte ich meine liebste Freundin um Rat, der auch gleich einige positive Eigenschaften für mich einfielen. Zum einen sei ich eine Macherin und hätte immer ein offenens Ohr für andere. Zum anderen sei ich freundlich und würde mich um andere kümmern. Sie nannte noch weitere Eigenschaften, an die ich mich jedoch später nicht mehr erinnern konnte; wohl, weil ich mir diese selbst nicht zuschreiben wollte.

Froh, überhaupt ein paar Zuschreibungen für die Liste an der Hand zu haben, ging ich diese zu Hause in Ruhe gedanklich durch; wie bei einer Disputation überlegte ich, ob die Eigenschaften, die meine Freundin mir genannt hatte, auch wirklich für mich zutreffend sind.

Zur Zuschreibung „ich sei eine Macherin“ nahm ich schon nach kurzer Zeit eine abwehrende Haltung ein. Unweigerlich musste ich daran denken, dass ein ehemaliger Arbeitskollege einmal in einer Diskussion zu mir sagte, dass ich nicht immer alles an mich reißen müsse. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, scheinen Macherinnen keine guten Menschen zu sein. Weder möchte ich anderen etwas entreißen noch über deren Kopf hinweg handeln bzw. etwas für sie entscheiden. Der Begriff Macherin hatte anschließend nichts mehr Positives für mich, weshalb ich beschloss, diese Eigenschaft nicht in die Liste mit aufzunehmen.

Bei der zweiten Zuschreibung „ich sei freundlich“, liefen meine Überlegungen ähnlich ab. Viele Menschen haben mir schon gesagt, dass ich ein warmer und freundlicher Mensch sei. Freundlichkeit und Warmherzigkeit sind nun aber nichts besonderes für mich, eher etwas selbstverständliches. Ich bin zu allen Menschen freundlich, unabhängig von Alter, sozialem Status oder Religion etc. Freundlichkeit und Warmherzigkeit sind für mich einfach Dinge, die grundsätzlich jeder Mensch verdient hat.

Weiterhin kamen mir Situationen in den Sinn, in denen ich mich weder besonders freundlich noch warmherzig verhalten hatte; eher genervt oder distanziert. Am Ende meiner Überlegungen, kam ich zu dem Entschluss, dass ich diese Zuschreibung ebenfalls nicht in die Liste mit aufnehmen kann, da sie für mich nicht zutreffend ist.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, zu welchem Fazit ich bei der Kümmerer-Zuschreibung gekommen bin, weshalb ich mir weitere Ausführungen hierzu spare.

Nun sitze ich erneut vor leeren Blättern, die Fragen stellen, auf die ich keine Antworten finde.

„Bis Mittwoch ist noch Zeit“, denke ich. Letztlich weiß ich, dass mich dieser Gedanke nur beruhigen soll, damit ich die Liste weiter vor mich herschieben kann. Am liebsten würde ich all diese Fragen mit folgendem Satz beantworten: „Ich bin einfach ich, was mir und anderen genügen sollte“; das Problem daran ist, das tut es leider nicht.

Zwar genüge ich anderen, doch mir oft nicht. Manchmal fressen mich meine Selbstzweifel auf, werden zu Riesen, in meinem eigenen inneren Land. Mein starkes Ich hingegen, wird klein und unscheinbar, fast unsichtbar.

Mein innerer Kritiker, der mein stetiger Begleiter ist, unterfüttert meine Zweifel nur, was sie noch größer werden lässt.

Selbstwert und Selbstliebe; zwei Themen, die mich noch lange begleiten werden.

Die Floskel „ich liebe mich“ ist schnell gesagt und bleibt dennoch oft leer, weil sie erst mit Leben gefüllt werden muss. Zuerst muss man wissen, was man überhaupt an sich mag und welche Stärken man inne hat. Einerseits ist dies die Basis für gelebte Selbstliebe, andererseits auch ein Weg, um eigene Schwächen akzeptieren zu können bzw. Eigenschaften, die man an sich selbst nicht mag, annehmen zu können. An diesen Punkt bin ich noch nicht; ich stecke fest, zwischen der Liste und meiner gedanklichen Disputation.

Ich hätte die Aufgabe schon längst gelöst, wäre eine Liste mit negativen Eigenschaften gefragt gewesen; traurig aber wahr. Doch vielleicht ist es diese Feststellung, die ein Umdenken bei mir bewirkt.

Denn am Ende meiner Überlegungen, fällt mir doch tatsächlich eine Eigenschaft ein, die ich an mir mag. Diese möchte ich nun auch benennen.

Ich sehe oft das Positive an einem Menschen, sein Strahlen oder sein Licht. Auch für Menschen, die nicht sonderlich freundlich zu mir waren oder mich auf irgendeine Art und Weise verletzt habe, finde ich nette Worte. Ich kann nicht hassen oder lange Zeit auf jemanden wütend sein. Für mich sind Hass und Wut Gefühle, die einen irgendwann auffressen, wenn man ihnen zu viel Raum lässt.

Wenn ich es nun schaffe, andere positiv zu betrachten, gelingt mir dies bei mir selbst irgendwann auch. Meine Schreckensliste wird sich füllen und somit ihren Schrecken verlieren; sie füllt sich mit positiven Eigenschaften, die ich annehmen kann, ohne sie in einer Disputation mit mir selbst diskutieren zu müssen.

Veröffentlicht von Lene

Ich würde mich als emphatische und entspannte Person bezeichnen, die versucht, ihre Erlebnisse in Wort und Schrift darzustellen. Also alles was mein Herz in irgendeiner Art und Weise berührt, verarbeite ich schriftlich. Ich bin kein Meister der Poesie. Manches mag sich holprig anhören, aber so ist mein Schreibstil. Ich bin auch nicht festgelegt auf eine Art von Text, jedenfalls noch nicht. Ich probiere gerne mal aus, dass merkt man auch an meiner Website: Sie ist recht bunt. Ich denke gerne bunt, denn für mich ist es das Leben auch. Mich freut es einfach, wenn der ein oder andere etwas mit meinen Texten anfangen kann oder sich vielleicht sogar darin wiederfindet. Viel Spaß beim Lesen. Und danke für euren Abstecher in meine kleine, bunten Welt. Vielleicht bis bald. 🤗 Lene

16 Kommentare zu „Die Schreckensliste

  1. Ohh diese Liste kenne ich … war bei mir genauso … den text könnte wieder mal ich selbst geschrieben haben..

    Manchmal nervt es dass man schon so lange auf dem Weg ist und immer wieder in die Selbstzweifel kommt, aber irgendwann werden wir uns auch lieb haben … fangen wir vielleicht mal mit kleinen Schritten an und fangen an uns zu mögen … vielleicht als Freundin zu betrachten? Zu einer Freundin würde man niemals die Dinge sagen die wir zu uns selbst sagen..

    Und Freundlichkeit, sollte es zwar sein, ist heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit mehr… ich hab manchmal – je nach Hormonlage – Tränen in den Augen wenn man Jemand freundlich ist beim Einkaufen oder so … das liegt vielleicht auch an der Region in D wo man lebt… trotzdem, wohlwollend zu sein ist eine Gabe ❤

    Und Du bist eine ganz tolle Erzählerin, falls das eine Eigenschaft ist die Du annehmen kannst .. einen schönen Sonntag und viel Erfolg beim Liste ausfüllen :-*

    Gefällt 2 Personen

    1. Huhu 😊
      Danke für deine lieben Worte! Dann weisst du ja, wie es ist.
      Danke auch für die Eigenschaft, die du genannt hast. 😊
      Ich denke, dass es nun mal ein langer Prozess ist, der immer wieder mit „Rückschlägen“ geprägt ist. Dazu gehören auch Zweifel. Ich lasse mir einfach Zeit, mal sehen was passiert. Dir einen ganz wundervollen Tag!!! 💕💕

      Gefällt 1 Person

  2. Du könntest einfach schreiben:
    „Meine positive Eigenschaft: Ich bin da.“
    Und ggf. als Erklärung:
    „Das ist wie mit Besuch: Über Besuch kann man sich immer freuen – entweder weil er kommt, oder weil er wieder geht. Was bleibt ist immer ein Lächeln.“
    (Und wenn jemand sich nicht freuen kann, liegt das nicht an Dir!)
    🍀💚🤗

    Gefällt 2 Personen

  3. Oje, ich kann da sehr mit Dir mitfühlen. Ich musste das mal während einer Therapie machen. Meine positiven Eigenschaften benennen und dann auch noch Ausführungen dazu machen. Das war sehr schwer, und auch heute tue ich mich mit sowas gar nicht leicht. – Ebenso schwertue ich mich damit, meine „Wirkung“ auf andere einzuschätzen oder so mutmaßen, wie mich andere Menschen sehen.

    Was ich durch die Zeilen, die Du schreibst, von Dir an Positivem „sehe“, liebe Lene, ist vor allem dies:

    Du bist sehr einfühlsam, Du hinterfragst Dinge und Menschen, bist dabei selbstkritisch. Du verkörperst schöne Werte wie Rücksicht, wie Unvoreingenommenheit und Dankbarkeit. Du bist ganz grundsätzlich den Menschen zugewandt, bist demütig gegenüber Natur und Leben und vermittelst viel Vertrauen. Du verkörperst Liebe in sehr reiner und ehrlicher Weise.

    So sehe ich das wirklich – ich wollte und will Dich auf gar keinen Fall verlegen machen.

    Im Übrigen weiß ich, dass Du so viele „Schwächen“ an und bei Dir siehst. Auch das verstehe ich sehr gut, kann es sehr nachempfinden.

    Sehr liebe Grüße, ich denke heute ganz besonders an Dich❣💞🤗

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    1. Ganz lieben Dank für deine Worte, du schätzt mich ein, wie ich bin. Mit den positiven Eigenschaften freunde ich mich noch an. Dankeschön. Daran hatte ich nie gedacht. Ich glaube bei mir hat es in den letzten Tagen klick gemacht.
      Ich finde übrigens, dass du ein ganz warmer, sehr feinfühliger Mensch bist, der ein gutes Gespür hat, hinter Fassaden und Dinge zu blicken, die scheinbar sind. ❤️
      Ich wünsche mir sehr gut dich, dass du das auch so siehst. Du berührst die Menschen mit deinen Worten, in denen deine Sensibilität für die Welt sichtbar wird. 💕💕

      Gefällt 2 Personen

Kommentare sind geschlossen.

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